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pts20201019010 Politik/Recht, Medizin/Wellness

"Herr Bundeskanzler Kurz, die Lage ist mehr als ernst - warum wird nicht endlich gerechnet und entsprechend gehandelt?"

Einfache Rechnung: Ab 4700 täglichen Neuinfektionen kann unser Gesundheitssystem überlastet werden


Wien/Linz/Eggenburg/Hollabrunn (pts010/19.10.2020/09:10) - Dr. Österreicher, Dr. Guserl und DDr. Jahl beobachten derzeit mit Sorge die aktuelle Coronapolitik der Regierung Kurz. Nach über 7 Monaten Corona und mittlerweile zunehmendem unübersehbarem Corona-Chaos in Österreich, sehen sie es nun als ihre Pflicht an, auf Probleme hinzuweisen. Tatsache ist: Es ist allerhöchste Zeit, die Infektions- und Patientenzahlen nachzurechnen und zu handeln, liebe Bundesregierung! Österreich muss Maßnahmen einleiten. Denn man muss kein Virologe sein, um medizinischen Hausverstand zu haben oder um rechnen zu können. Aber steht es uns als einfache Mediziner überhaupt zu, solche Rechnungen anzustellen, zumal wir keine Mathematiker oder Statistiker sind? Ja, weil es leider sonst niemand in Österreich macht.

Drei Mediziner rechnen das einmal für Sie durch, Herr Bundeskanzler

Am 13.10. warnten 3 Fachgesellschaften für Intensivmedizin vor einem weiteren Anstieg der Patientenzahlen auf den Intensivstationen und vor Fehleinschätzungen, was die mögliche intensivmedizinische Versorgung betrifft. Die Ausbreitung sei weiterhin besorgniserregend und es gäbe keinen Grund für eine Entwarnung, was die Ressourcensituation betrifft. Vom 12.August bis 12. Oktober verfünffachte sich fast die Zahl der hospitalisierten Patienten und die Zahl der Intensivpatienten vervierfachte sich.

All diese stetig und konstant steigenden Zahlen scheinen Österreich nicht zu beunruhigen, da ja anscheinend die Meinung vorherrscht, dass die Gesamtzahl an kranken Personen noch immer sehr, sehr niedrig ist. Viele Menschen in Österreich verweigern, leugnen und verharmlosen das Coronavirus und allgemein empfohlene und bekannte Regeln und Maßnahmen im Alltag leider immer noch.

Der Komplexitätsforscher Peter Klimek hat auf Basis der Modellierungen und statistischer Analysen des Complexity Science Hub Vienna vorige Woche untersucht, ab welcher Zahl von täglichen Neuinfektionen es zu einer Überlastung des Gesundheitssystems, speziell was die Intensivbettenkapazität betrifft, kommen kann. Dieser Punkt würde seiner Meinung nach bei etwa 4700 bis 7800 täglichen Neuinfektionen eintreten. Diese Zahl klingt astronomisch hoch und ganz Österreich hält es nicht für möglich, diese Zahlen zu erreichen, da sich derzeit die aktuelle Zahl seit Tagen auf in etwa 1200 beläuft, was allerdings im Verhältnis zu Deutschland deutlich zu hoch ist.

Dazu muss man sagen, dass sich auch die Länder Tschechien, Holland, Belgien Frankreich und Portugal vor 4 Wochen das noch nicht vorstellen konnten. In all diesen Ländern konnte in den letzten 4 Wochen ein rasanter Anstieg an täglichen Neuinfektionen bestätigt werden, und damit ein Anstieg der gesamten aktiven Fälle. Tschechien und Belgien haben jetzt verlautbart, dass die Kapazitäten bei gleichbleibender Virusdynamik maximal bis Mitte November reichen würden. In Tschechien sind derzeit 2700 Patienten hospitalisiert, und in Belgien 1621, davon 281 Menschen auf der Intensivstation.

Tschechien bittet seine Ärzte, die im Ausland arbeiten, nach Hause, da sie dort dringend gebraucht werden. All diese Zahlen und Fakten klingen für viele Österreicher bei weitem nicht beunruhigend, zumal beide Länder größer als Österreich sind. Warum also verlautbaren diese beiden Länder dann jetzt schon, dass sie Mitte November an die Kapazitätsgrenze stoßen werden? Vielleicht, weil die Nachbarländer einfach rechnen können und das jetzt schon machen!

Österreich nicht vorausschauend und zu passiv

In Österreich sind wir leider nicht so vorausschauend und deshalb passiert in unserem Land einfach definitiv zu wenig, um die Zahlen effektiv zu drücken. Die Frage ist also, wann diese Grenze von 4700 täglichen Neuinfektionen erreicht wird, die unser System zum Kippen bringen könnte. Was passiert bei 4700 Neuinfektionen und vor allem: Was wird alles auf dem Weg dahin über die Zeit, die zum Entstehen der 4700 Neuinfektionen notwendig ist, mit den Zahlen insgesamt passieren?

Es gibt zwei Wege, wie es zu den 4700 anscheinend dann bedrohlichen Neuinfektionen kommen kann: Die erste Möglichkeit wäre eine langsame tägliche Steigerung mit täglichem Zuwachs gemäß der messbaren täglichen prozentuellen Steigerungsrate. Die zweite Variante wäre eine beginnende exponentielle Steigerung, die schwer zu modellieren ist, weil es hier vom genauen Zeitpunkt des Beginns der exponentiellen Steigerung abhängig ist, und von der Wucht, die von der Hintergrundaktivität und von noch nicht zu erahnenden positiven Auswirkungen eventuell ab nächster Woche eingeleiteten Maßnahmen abhängig ist. Diese für uns sehr negative Variante wollen wir uns gar nicht wünschen und eine Berechnung dieser Annahme überlassen wir gerne Universitäten und Statistik-Experten. Wir nehmen, weil wir positiv denken wollen, die erste Variante.

Drei kritische und mittlerweile äußerst besorgte Mediziner setzen sich also hin und rechnen das einmal aus. Die Dynamik zu erkennen, ist einmal der Anfang. Aufgrund der bis dato zögernden Haltung der gesamten Bundesregierung nehmen wir einmal an, dass sich in der nächsten Woche keine gravierende Reduktion der Infektionen einstellen werden, da auch fallende Zahlen mittlerweile schon viel Zeit brauchen, um zu entstehen und um sich sekundär zu manifestieren. Sprich: Alle Maßnahmen, die noch getroffen werden, werden auch schon Zeit brauchen, um Wirkung zu zeigen.

Vom 9.10. bis zum 16.10. stieg die Zahl der aktiven Fälle um mehr als 37 %. 37 % in einer Woche ist schon eine Ansage. Die Zahl der hospitalisierten Patienten stieg in derselben Woche um beachtliche 46 %, die Zahl der Intensivpatienten stieg in einer Woche lediglich um 14 %. Das verwundert aber nicht, da ja die Menschen mit schweren Verläufen erst später auf die Intensivstation kommen werden. Diese Patienten kommen noch, das ist traurige Wahrheit aber sicher, weil es einfach Fakt ist, dass 0,8 bis 1,00 % der täglich Infizierten intensivpflichtig werden und das Problem der Intensivstation ist, dass es meist länger dauernde Aufenthalte sind, weil die Behandlung aufwändig und anspruchsvoll ist.

In Belgien ist es derzeit so, dass sich die Anzahl der Patienten, die auf die Intensivstation aufgenommen werden müssen, alle 12 Tage verdoppelt! Wir rechnen mit der geringeren Rate von 0,8 %, weil es für Österreich besser sein würde, und weil wir ja positiv denken wollen. Hospitalisierungszahlen bewegen sich zwischen 3 und 6 %, wir nehmen aufgrund der kälteren Jahreszeit und damit verbundener höherer Anfälligkeit international empfohlene und angenommene 5 %.

Gehen wir also von einer eher reduzierten und geschönten Anzahl von 1200 Neuinfektionen pro Tag aus, die geringer ist als die aktuelle 7-Neuinfektionsrate vom 17.10.2020 und starten wir unsere Rechnung mit Sonntag, dem 17.10.2020, damit schenken wir Österreich in der Berechnung zur Sicherheit noch eine ganze Woche. Die 7-Tagesinzidenz liegt am 17.10. erstmals über 100/100000 Einwohner, exakt bei 105, wobei sich hier die unterschiedlichen offiziellen Datenbanken unterscheiden, was auch nicht nachvollziehbar ist. Am 17.10. gab es bereits 1747 Neuinfektionen mit einer über 7-prozentigen Testrate, die deutlich zu hoch ist und auf ein großes infektiöses Hintergrundgeschehen hinweist.

Sowohl die AGES (ages.at) als auch das "Health Institute for Health Metrics and Evaluation" (covid19.healthdata.org) haben die aktuelle tägliche Steigerungsrate über die letzten 14 Tage mit 4,4 % errechnet. Wir bleiben defensiv und machen keine Panik, sondern rechnen mit anzunehmenden Fakten.

Unser Ansatz: Vom 17.10. bis 25.10. rechnen wir mit den aktuellen Steigerungsrate von 4,4 %. Die Herbstferien werden dann bis Montag den 2.11. mit lediglich 3 % gerechnet. Die nächste Woche bis 9.11., wieder mit Schulbetrieb, wird mit 3,5 % angenommen. Die folgende Woche wieder mit erhöhter Aktivität, also 4,4 %. Ab 18.11. rechnen wir mit beruhigenden 3 %, einfach weil das bereits die fünfte zu berechnende Woche ist, und weil allenfalls bis dahin eingeleitete Maßnahmen dann auch Wirkung zeigen würden.

Diese vorsichtigen Prozentsätze sind aufgrund der Dynamik als relativ defensiv, aber auch als potentiell realistisch zu betrachten, weil erstens die positive Testrate bereits seit längerer Zeit deutlich und konstant über 5 % liegt und weil die Perkolation der Virusverbreitung jetzt im Herbst einfach Tatsache ist, auch weil die Reproduktionszahl quasi bereits seit Ende Juni fast immer mehr oder weniger deutlich über 1,0 ist. Diese Perkolation und die damit verbundene Hintergrundaktivität wegen anzunehmender Dunkelziffer erlaubt Rechnungen über einen Zeitraum von wenigstens 4 Wochen.

Errechnen wir die Situation, die bis zu einer Neuinfektionszahl von 4700 führt, und zwar in der oben beschriebenen ersten Variante, mit konstant steigenden Zahlen, aber ohne exponentielle Steigerung:

Wir erreichen laut unserer positiven Annahme die 4736 Neuinfektionen am 24.11.2020, sofern die Steigerungsrate so moderat verläuft, wie von uns optimistisch angenommen. Fakt ist: Es wird wahrscheinlich 7 bis 10 Tage früher passieren!

Bis 24.11.2010 werden aber über die gesamte Zeit, und das ist traurige Tatsache unserer Rechnung, insgesamt 102909 Neuinfektionen gezählt werden, zusätzlich zum Bestand vom 17.10.2020. Am 17.10. haben wir bereits 17645 aktive Fälle, von denen im Spital sind, davon bereits 133 auf der Intensivstation.

Diese zusätzliche Zahl von 102909 an Infektionen über den gesamten betrachteten Zeitraum bis 24.11. würde weitere 823 Intensivpatienten und weitere 5145 Patienten im Krankenhaus bedeuten!

Damit sind nun bei den oben von Statistikern angesprochenen 4700 bis 7800 Infektionen pro Tag, die unser Gesundheitssystem zum Kippen bringen könnten. Es kann ja nämlich leider passieren, dass wir die 4700 viel rascher erreichen und bei weiterer täglicher Zunahme pro Tag, würde dann über die Zeit bis 24.11. noch deutlich mehr an Betten- und Kapazitätsproblemen auf uns zukommen, was wir uns gar nicht ausmalen wollen.

In Tschechien, mit ähnlicher Bevölkerungszahl, hat es von 1200 auf 4700 Neuinfektionen nur knapp über 3 Wochen gedauert. Und die Rechnung würde ja einfach so weitergehen mit allen Konsequenzen. Tschechien hat am 17.10. über 11000 Neuinfektionen und über 50 Tote an nur einem Tag, man blieb nämlich nicht bei 4700 stehen. Aber das weiter als vier bis fünf Wochen so zu rechnen wird zunehmend schwierig und birgt dann statistische Fehler, weil andere Faktoren dann den Verlauf sehr beeinflussen können.

Derzeit, mit Stand 18.10.2020, stehen aber in Österreich für für COVID-Patienten nur 700 Intensivbetten zur Verfügung und die wären am 24.11. längst mehr als voll. Natürlich werden wir mehr Betten schaffen können, einfach durch Reduktion geplanter Eingriffe und Operationen. Das allerdings zum Leidwesen für diese betroffenen Nicht-Corona Patienten, die schon lange auf Termine zur Behandlung im Krankenhaus warten, und deren Therapie dann abgesagt und verschoben werden wird. Das benötigt aber Zeit für Logistik, Organisation und notwendiger Änderung der Struktur der Krankenhäuser. Und damit muss einmal begonnen werden, und zum derzeitigen Zeitpunkt ist dieser Termin für ändernde Maßnahmen noch nicht bestimmt worden.

Tatsache ist: Es ist allerhöchste Zeit zu handeln, liebe Bundesregierung!

Österreich muss Maßnahmen einleiten und beginnen endlich an die nahe aber gewiss kommende Zukunft zu denken. Die Bürger müssen dementsprechend informiert werden, welche unangenehme Zukunft uns in Bälde bevorstehen kann, wenn nichts unternommen wird, um die weitere und in Zukunft eventuell sogar unkontrollierte Ausbreitung des Virus einzudämmen. Drei kritische österreichische Mediziner würden sich allerdings tatsächlich freuen, wenn sich ihre einfache Rechnung als falsch bewahrheiten wird.

(Ende)
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