Widerstand heißt nicht Rechthaben
Europaforum der Toleranzgespräche: "Empörung allein genügt nicht, es braucht auch Engagement"
Wien (pte013/17.03.2026/10:30)
Für und wider sowie Definitionen für das Wortpaar "Widerstand & Verantwortung" standen im Mittelpunkt des diesjährigen Europaforums der Europäischen Toleranzgespräche im Club Carinthia der BKS Bank Wien. Dabei wurde rasch klar, dass es zumindest so viele unterschiedliche Formen des Widerstands gegen herrschendes Unrecht gibt wie Missverständnisse im Umgang mit Tyrannen, Terror und politischem Extremismus.
Viele Gründe des Widerstands
Laut dem Präsidenten des Kuratoriums der Toleranzgespräche, Hannes Swoboda, kann Widerstand aus verschiedensten Gründen entstehen - aus dem Glauben oder aus einer politischen Einstellung. Aber auch Bequemlichkeit kann aus dem Glauben kommen: "Da gibt es einen Spruch: Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und der Kaiser ist halt jetzt ein böser Mann. In allen Fragen des Widerstands sollte es aber immer um das Menschliche gehen, und nicht um das absolute Rechthaben."
Swoboda zufolge gibt es keine Regeln, wie Widerstand entsteht. Da sei sehr viel Persönliches dabei, wenn man überzeugt ist, gegen Ungerechtigkeit kämpfen zu müssen. Oder wenn jemand überzeugt ist, selbst die Wahrheit zu haben. "Aber", so Swoboda, "man muss auch im Widerstand wissen, dass man nicht die Wahrheit gepachtet hat und Verantwortung zeigen. Auch im Widerstand muss ich als Mensch agieren (nicht als Maschine oder Terrorist) und den Gegner als Menschen sehen."
An das große Ganze denken
Albert Camus unterscheide zwischen Revolte und Revolution. Die Revolte bewahrt auch das Menschliche, will das Ganze, will die Menschheit bewahren - während der Revolutionär nur das will, was er selbst vertritt - das sei das Entscheidende. "Die Revolte will eine gerechte Welt für alle schaffen, der Kommunist beschwört die Diktatur des Proletariats, alles andere ist ihm egal. Deshalb hat der Kommunismus auch Schiffbruch erlitten, weil er nicht an das Ganze gedacht hat. Jede Gesellschaft, jede Philosophie, jede Religion, die nicht auf das Ganze aus ist, scheitert."
Die Psychotherapeutin Margarethe Prinz-Büchl bestätigte, dass sich der Widerstand aus ganz unterschiedlichen Quellen speist. Eine sehr starke Regung zum Widerstand komme etwa daher, dass persönliche Werte verletzt werden. Als nächstes braucht es aber dann auch viel Mut, den Widerstand nach außen zu tragen, in welcher Form auch immer. Ein Wert sei zum Beispiel die Freiheit. "Wenn ich merke, dass meine persönliche Freiheit infrage gestellt oder eingeschränkt wird, gehe ich in den Widerstand."
Humor als Quelle des Widerstands
Für den Autor und Psychologen Arnold Mettnitzer heißt Widerstand, die Augen aufzumachen und gerade dort hinzuschauen, wo wir aus Bequemlichkeit, Nachlässigkeit schicksalshaft oder freiwillig blind geworden sind, und Dinge nicht sehen wollen, weil es einfach unbquem ist, etwas anzugehen, was anzugehen ist. "Empörung allein genügt eben nicht, es braucht auch Engagement, wenn man etwas verändern will." In diesem Zusammenhang hielt Mettnitzer ein Plädoyer für den Humor, den er als "Klugheit des inneren Gleichgewichtes" bezeichnete, Moderator Claus Reitan hingegen als "Taschenmesser der Wehrlosen".
Es sei doch eigenartig, warum gerade das jüdische Volk eine so unglaubliche Humorkultur entwickelt hat. Weil - Freud würde sagen - der Selbstrettungsversuch der Seele sich die Gemeinheiten, die uns zugemutet werden, nicht gefallen lässt. Die Juden hätten schmerzlich gelernt, nichts und niemanden ernstzunehmen. Auch manchmal sich selbst nicht, und manchmal auch Gott nicht. Gedanklich sei der Humor eine wunderbare Kraftquelle des Widerstands gegen die Unbill des Lebens. Mit den Worten des Verhaltensforschers Konrad Lorenz: "Ich glaube, dass wir heute den Humor noch immer nicht ernst genug nehmen" - im Sinne eines Überlebensmittels, einer Strategie, dass wir uns die Verrückheiten, in die wir lebendig hinein kommen, einfach nicht gefallen lassen.
Krieg in der Natur des Menschen
Die evangelische Theologin Ines Charlotte Knoll verwehrte sich gegen den "Tyrannenmord" als ein Mittel des Widerstands. "Ich kann nur sagen, ich wollte keinen Menschen töten, ich wollte das nicht tun, ich wollte bis in die Unendlichkeit immer wieder versuchen, zu reden." Knoll gab zwar zu bedenken: "Es liegt in der Natur der Menschen, dass wir einander mit Waffen begegnen. Aber es gibt etwas, das darüber hinaus geht. Ich würde immer hoffen, dass wir das Gespräch suchen, über alle Kanäle, um aus dem Bunker der Gewaltexistenz herauszukommen."
Mettnitzer ergänzte, das Gespräch sei die einzige Chance, die Brücke zueinander zu schlagen. Geichzeitig sei das Gespräch aber auch die Quelle von Missverständnissen. Darum ist das immer den Versuch wert, nicht nur Positionen austauschen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben und dabei eins zu werden (weil zwei Menschen zum Gespräch werden). "Da sollten wir hinkommen. Das wäre wahrscheinlich der Widerstand par excellance, der uns in eine Perspektive von gemeinsamer Lebendigkeit bringt."
Gespräch als Lösung und Neuanfang
Hannes Swoboda verwies hingegen auf die Realität: "Wenn die Leute zum Psychotherapeuten kommen, dann wollen sie reden. Aber hat ein Hitler, Stalin reden wollen? Ein Putin? Das ist doch eine Illusion. Wir dürfen doch nicht von einem individuellen auf das gesamtgesellschaftliche Geschehen schließen. Es gibt Menschen, die wollen - zur Durchsetzung ihrer Ziele - Gewalt anwenden und lassen sich von keinem Gespräch davon abbringen. Wir können uns die Welt nicht mit schönen Worten zurechtlegen, wir müssen der Realität von Rechts- und Gewaltverbrechern ins Auge sehen."
Margarethe Prinz-Büchl stimmte dem grundsätzlich zu: Ein Gespräch kann eine Brücke sein, aber eine Brücke braucht zwei Ufer. "Und wenn auf der anderen Seite Desinteresse besteht oder eigene Pläne stehen, dann sei es nicht einmal möglich, in die Nähe eines Verständnisses zu kommen. Das gilt für jede Beziehung: Wenn ein Partner nicht mehr bereit ist, weil die Beziehung gelaufen ist, dann gibt es kein Gespräch mehr, dann kann man lediglich noch über die nächsten Schritte sprechen. Und über einen Ausweg ohne Gesichtsverlust."
Fotos der Veranstaltung zum Download
Die Podiumsdiskussion im Video: https://youtu.be/rBLFI6qGSd8
(Ende)
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