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pte20210514002 Forschung/Entwicklung, Umwelt/Energie

Buch von Bill Gates will das Weltklima retten

Technologie-zentrierter Lösungsansatz für Energie-, Ernährungs- und Umweltprobleme


Neuerscheinung von Bill Gates zur Klimakatastrophe (Foto: piper.de)
Neuerscheinung von Bill Gates zur Klimakatastrophe (Foto: piper.de)

Seattle (pte002/14.05.2021/06:05) - Wenn ein Manager innovative Entwicklungen umsetzen will, dann beginnt er mit Analysen und MachbarkeitsStudien, bevor er einen Plan zur Umsetzung entwickelt. Wenn der reichste Unternehmer dieser Welt eine Mission verfolgt, geht er genau so vor. "Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind", das erläutert Bill Gates in seinem neuen Buch "Wie wir die Klimakatastrophe verhindern".

Das Paradigma

Zur Erreichung der Pariser Klimaziele muss die Menschheit jährlich 51 Mrd. Tonnen Treibhausgase (rund 36 Mrd. Tonnen CO2 plus 15 Mrd. Tonnen CO2-Äquivalente wie Methangas) auf Null senken und zwar bis 2030. Die Mission: "Wir müssen etwas Gigantisches erreichen, das wir noch nie zuvor versucht haben, und das auch noch viel schneller als alles Vergleichbare, was wir jemals geschafft haben. Auf diesem Weg wird die Arbeit von Wissenschaftlern und Ingenieuren eine Menge Durchbrüche brauchen. Wir müssen einen Konsens aufbauen, den es derzeit nicht gibt, und wir müssen auf politischer Ebene einen Übergang vorantreiben, der sonst nicht stattfinden würde." (S. 68)

Bill Gates hat fünf Bereiche als Hauptverursacher der Treibhausgase erfasst: die Stromerzeugung mit 27 Prozent Anteil an den 51 Mrd. Tonnen, die Industrieproduktion mit 31 Prozent, die Landwirtschaft mit 19 Prozent, Transport und Verkehr mit 16 Prozent sowie Kühlen und Heizen mit sieben Prozent. In allen Bereichen klaffen fünf Jahre nach dem Pariser Klimagipfel große Lücken zwischen den Zielvorgaben und dem Status quo.

Stromerzeugung

Mit Kohle (36 Prozent) Erdgas (23 Prozent) und Öl (drei Prozent) wird bis heute ein Großteil des Stroms mithilfe fossiler Rohstoffe erzeugt. Erneuerbare und Wasserkraft decken 27 Prozent, Atomkraft zehn Prozent. Gates rechnet damit, dass die Menschheit bis 2050 "wesentlich mehr als das Dreifache der elektrischen Leistung brauchen" (S. 102) wird. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass 860 Mio. Menschen noch gar keine Stromversorgung haben, wachsender Wohlstand in unterentwickelten Ländern steigert ebenso den Stromerbrauch wie die Umstellung von industriellen Produktionsverfahren.

Lösungen sind Energiesparen, höhere Energieeffizienz und ein zehnmal schnellerer Ausbau der Erneuerbaren, bessere Stromleitungen (in den USA ist das Stromnetz offenbar "ein chaotischer Flickenteppich"), bessere Energiespeicher und Wasserstoff, dessen Herstellung allerdings wiederum Strom benötigt und teuer ist. So bleibt eine Lösung, der Gates sein persönliches Plädoyer widmet: Die Atomkraft. "Sie ist die einzige CO2-freie Energiequelle, die zuverlässig und rund um die Uhr elektrischen Strom liefern kann, zu jeder Jahreszeit und fast überall auf der Welt, und die nachgewiesenermaßen im großen Maßstab funktioniert." (S. 108) TerraPower, eine Firma die Gates 2008 gegründet hat, forscht in den Bereichen Kernspaltung und Kernfusion, denn "am wichtigsten ist, dass die Menschheit sich wieder darauf besinnt, den Fortschritt auf dem Gebiet der Kernenergie ernsthaft voranzutreiben - sie ist einfach zu vielversprechend, um ignoriert zu werden". (S. 114)

Industrieproduktion

Stahl, Beton und Plastik sind die wichtigsten Produkte, die künftig CO2-frei hergestellt werden müssen, wenn das Ziel der Null-Emission erreicht werden soll. Bei der Produktion von einer Tonne Stahl werden etwa 1,8 Tonnen CO2 freigesetzt, bei der Herstellung von Zement ist das Verhältnis 1:1. Hauptproduzent von Zement ist China. Auch wenn dort der Bauboom in den kommenden Jahren nachlassen wird, folgen andere Schwellenländer mit wachsendem Bedarf. Bis 2050 dürfte sich der weltweite Bedarf an Zement - und der damit verbundene CO2-Ausstoß - auf jährlich vier Mrd. Tonnen belaufen. Plastik ist aus dieser Klimaperspektive "nicht so schlimm", denn es kann CO2 sogar auf Jahrzehnte binden. "Im Meer herumtreibende Plastikteile verursachen alle möglichen Probleme; nicht zuletzt können sie Meerestiere und -pflanzen vergiften. Aber die Klimaveränderung verschlimmern sie nicht." (S. 134) Lösungsansätze liegen darin, möglichst viele Prozesse zu elektrifizieren, die verbliebenen Emissionen mithilfe von CO2-Abscheidung einzufangen und wenn möglich in der Produktion wiederzuverwerten sowie Materialien sparsamer zu nutzen. "Das wird eine Menge Innovationen erfordern", resümiert Technologe Gates.

Landwirtschaft

Das Hauptproblem dieses Sektors sind "Farmen voller rülpsender Kühe". (S. 141) Diese produzieren Methan, das 28 Mal mehr Erwärmung pro Molekül verursacht als CO2. Eine Mrd. Kühe auf unserem Planeten produzieren ein CO2-Äquivalent von zwei Mrd. Tonnen. Dazu kommen die Düngemittel, die einerseits in der Herstellung CO2 verbrauchen (bereits eingerechnet im Kapitel Industrieproduktion), aber auch in Form von Distickstoffoxid den Boden kontaminieren oder in die Luft entweichen. Ohne Einsatz von Dünger könnte die Welt heute nur 50 Prozent der Menschen ernähren. Angesichts des weiteren Bevölkerungswachstums fordert Philanthrop Gates: "Die Welt nutzt schon heute große Mengen Dünger, und die armen Länder sollten noch viel mehr davon nutzen." Lösungsansätze für die Zwickmühle, in die uns der wachsende Nahrungsmittelbedarf bringt, soll der Wald liefern: "Die effektivste Strategie, was die Wälder im Zusammenhang mit dem Klimawandel angeht, besteht darin, das Abholzen derjenigen Bäume zu stoppen, die wir bereits haben." (S. 163) Und: "Letzten Endes müssen wir möglichst bald 70 Prozent mehr Nahrungsmittel produzieren und gleichzeitig die Emissionen herunterfahren ... Dafür braucht es jede Menge neuer Ideen." (S. 163)

Transport und Verkehr

"Transport und Verkehr sind zwar nicht die größte Ursache von Emissionen weltweit, sehr wohl jedoch die Nummer 1 in den USA, und das schon seit einigen Jahren, knapp vor der Stromerzeugung. Wir Amerikaner fahren und fliegen tatsächlich sehr viel" - besonders gerne mit großen Autos. Neben fünf Mio. normalen Pkw wurden in den USA 2019 über zwölf Mio. SUV verkauft. Hilfreich zum Verständnis, wo die Menschen ansetzen müssen, um das Problem zu lösen, ist eine Tortengrafik. Demnach ist "das Auto nicht der einzige Übeltäter", aber mit 47 Prozent sind Pkw und Motorräder der Hauptverursacher der 9,7 Mrd. Tonnen CO2, die der Verkehr verursacht. Es folgen Lkw und Busse mit 30 Prozent, Fracht- und Kreuzfahrtschiffe zehn Prozent, Flugzeuge zehn Prozent und Sonstige drei Prozent. Zumindest für den Bereich Pkw hat Gates eine Alternative, die er selbst nutzt, wenn er in Seattle über die zwei Kilometer lange Pontonbrücke in das Headquarter seiner Stiftung fährt: "Ich bin Besitzer eines Elektroautos, und ich bin begeistert." (S. 170)

Ob er in mehr als ein Elektroauto investiert hat, ob er etwa Anteile an Tesla hält, verrät er nicht. Die Logik des Wirtschaftsführers Gates: "Wir sollten möglichst viele E-Autos auf unsere Straßen bringen, da diese immer erschwinglicher werden." (S. 172) Weitere Alternativen sind Biokraftstoffe (Ethanol), Wasserstoff und "Drop-in-Kraftstoffe", die aus Kohlenstoff gewonnen werden, der sich bereits in der Luft befindet. Neben gewöhnlichen CO2-Filtern in Industrie- und Kraftwerksanlagen (CCS Carbon Capture and Storage), soll CO2 künftig direkt aus der Luft entnommen werden (DAC Direct Air Capture). Die CO2-freie Zukunft in einem Satz: "Elektroantrieb für alle Fahrzeuge, bei denen dies möglich ist, und billige alternativer Kraftstoffe für den Rest." Nicht zu vergessen: "Wir brauchen Innovationen, um hier die Preise zu drücken." (S. 185)

Kühlen und Heizen

So wie der Verkehr betrifft dieser Bereich den Alltag der Menschen direkt, zumindest in den reichen Ländern. 90 Prozent der Amerikaner, Japaner und Koreaner haben Klimaanlagen, doch weniger als zehn Prozent der Inder und Afrikaner. So ist Raumkühlung ein starker Wachstumsmarkt und der Strombedarf dafür dürfte sich bis 2050 verdreifachen. "Wir stecken in einem Teufelskreis: Wir kühlen unsere Wohnungen und Büros immer stärker herunter und heizen zugleich das Klima immer weiter auf." (S. 190) Dazu kommen die F-Gase, die bei Kühlanlagen im Laufe der Zeit austreten. "F-Gase tragen in ganz extremer Weis zum Klimawandel bei: Im Lauf eines Jahrhunderts verursachen sie ein Vieltausendfaches dessen an Erwärmung, was die entsprechende Menge Kohlendioxid produziert." (S. 191) Lösungsansätze findet Gates in der Umrüstung der Haushalte auf Wärmepumpen und in der Förderung der Entwicklung moderner Biokraftstoffe und synthetischer Kraftstoffe. "Diese Brennstoffe wären in unseren heutigen Heizungs- und Warmwassersystemen bereits einsetzbar, ohne diese umrüsten zu müssen, und sie würden die CO2-Bilanz der Atmosphäre nicht zusätzlich belasten." (S. 195)

Conclusio

In weiteren Kapiteln erklärt Gates, dass wir uns an die Erderwärmung anpassen und dabei besonders die Armen unterstützen müssen, warum es dabei auf die Politik ankommt und nicht zuletzt, was jeder Einzelne tun kann. Seine Pläne zur Dekarbonisierung: "Erstens müssen wir alles daran setzen, CO2-neutralen Strom möglichst billig und verlässlich bereitzustellen; und zweitens braucht es eine möglichst umfassende Elektrifizierung - von Fahrzeugen über industrielle Prozesse bis hin zu Wärmepumpen, und das natürlich gerade dort, wo wir bisher für die Stromversorgung angewiesen sind." (S. 245 f.) Zur Verwirklichung der dafür erforderlichen Innovationen sind die Regierungen gefordert, den Aufwand für Forschung und Entwicklung zu verfünffachen (S. 249) und dabei "risikoreiche, aber auch besonders chancenreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte" zu fördern. (S. 250)

Ob ein weltumspannendes Projekt wie die Verhinderung der Klimakatastrophe überhaupt planbar ist, bleibt offen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich die ganze Welt dazu ermutigen möchte, effektive Pläne für den Umgang mit dem Klimawandel zu verabschieden." (S. 291)

Alle Zitate aus:

Bill Gates: "Wie wir die Klimakatastrophe verhindern. Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind". Piper Verlag, München 2021. http://bit.ly/3tAx6IA

(Ende)
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