pte20190405002 Politik/Recht, Kultur/Lifestyle

Maurizio Bettini: Wandel Europas unvermeidlich

Nationalismus keine Antwort - Migration nicht einziges Problem


Wien (pte002/05.04.2019/06:00) Europas Völker müssen Veränderung als natürlichen Prozess verstehen und dürfen sich nicht aus Angst davor in Nationalismus und Isolation flüchten. Der Wandel ist unvermeidlich und Migration nur eine von vielen offenen Fragen, sagt Maurizio Bettini, Professor für klassische Philologie an der Universität Siena http://bit.ly/2YITMbv , im Gespräch mit pressetext.

"Das Europa, das ich mir wünsche, ist ein Europa mit Bürgerinnen und Bürgern, die sich ihres kulturellen Erbes bewusst sind. Dazu gehören die großen Errungenschaften bei Bürger- und Menschenrechten ebenso wie die tragischen Versäumnisse und Greueltaten, die im Namen von nationalistischen, religiösen und politischen Ideologien in der Vergangenheit verbrochen wurden", sagt Bettini.

Keine Stabilität ohne Veränderung

Laut Bettini besteht Geschichte aus dem permanenten Wechselspiel zwischen Stabilität und Veränderung. Derzeit erleben wir eine Phase gravierender Umwälzungen, dabei sei Migration nur ein Aspekt der europäischen Metamorphose. Veränderungen in der Demografie, in der Arbeitswelt, in der Produktion und in der sozialen Struktur haben Bettini zufolge deutlich mehr Einfluss auf die Gesellschaft als etwa Migration. Doch das Narrativ vieler Medien und Politiker konzentriert sich laut dem gebürtigen Brixener (Südtirol) vor allem auf diesen Aspekt.

Dabei ist Migration durchaus ein wichtiges Thema. In Großstädten wie Mailand oder Rom stolpert man quasi über die Präsenz illegaler Zuwanderer, die oft auf den Straßen lungern, betteln oder in der Nähe der Bahnhöfe schlafen. In anderen, ländlicheren Regionen dagegen sei die Präsenz der Migranten kaum bemerkbar. "Trotzdem erwecken die Medien, angeheizt durch die Propaganda der Lega, den Eindruck, dass die Präsenz illegaler Einwanderer ein immer größeres Problem wird. Das ist aber einfach nicht wahr", kritisiert Bettini.

Rechte träumen von "Reinheit"

Im Gespräch mit pressetext zeigt sich der Sozialwissenschafter tief besorgt über den wachsenden Nationalismus, Regionalismus und Isolationismus und deren negativen Auswirkungen, die sich mit gegensätzlichen Tendenzen wie Globalisierung, Bürgerbewegungen und den Austausch auf allen Ebenen matchen. Rechtsgerichtete Gruppierungen wollten eine "fantasierte Reinheit" schützen. Der Begriff der Patria, des Vaterlandes, werde von diesen Gruppen oft bemüht, obwohl er im Faschismus unvermeidlich mit dem Schrecken des Krieges endet.

Bessere Bildung als größte Hoffnung

Der Mehrheit der Italiener hingegen scheinen diese Entwicklungen gleichgültig zu sein. Deswegen liege die größte Hoffnung für Europa in der Bildung, erklärt Bettini. "Unser Kampf für ein besseres Europa wird in den Schulen ausgefochten", zeigt sich der Altphilologe überzeugt. "Besonders in den Schulen, in die wir, die Intellektuellen und Kultivierten, normalerweise nicht gehen, und die in den ärmsten Teilen unserer Länder stehen."

Maurizio Bettini wird am 6. Juni 2019 den Eröffnungsvortrag bei den Europäischen Toleranzgesprächen im Kärntner Bergdorf Fresach http://fresach.org zum Thema "Heimat Fremde Erde: Auf der Suche nach der Identität Europas" halten. Sein jüngstes Buch "Wurzeln: Die trügerischen Mythen der Identität" erregte im deutschsprachigen Feuilleton viel Aufmerksamkeit.

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