Wie betreten wir die Welt?
Graduierungsfeier für 83 Absolventinnen und Absolventen des Bachelorstudiums Lehramt Primarstufe
Baden (pts023/14.09.2026/16:40)
83 Absolventinnen und Absolventen feierten am 11. September 2026 an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) ihre Graduierung im Bachelorstudium Lehramt Primarstufe.
Rektor Bernd Langensteiner stellte seine Festrede unter eine ebenso einfache wie weitreichende Frage: "Wie betreten wir die Welt?" Sie führte vom Schritt in den Lehrberuf zu einer grundlegenden pädagogischen Haltung: Wie begegnen Lehrpersonen Kindern – und was bewirkt diese Begegnung weit über den Unterricht hinaus?
Ein beiläufiger Blick in den Festsaal wurde zum Ausgangspunkt für einen Gedanken, der den weiteren Verlauf der Rede bestimmte. Entscheidend war nicht das äußere Detail, sondern die Frage dahinter: Mit welcher Haltung betreten wir einen Raum? Was nehmen andere von uns wahr, noch bevor etwas erklärt, angeordnet oder unterrichtet wird? Für Lehrpersonen ist diese Frage unmittelbar: Sie betreten Klassenzimmer, Kinder schauen auf. Noch bevor der erste Satz gesprochen ist, nehmen Kinder bereits etwas wahr: Ruhe oder Unruhe, Interesse oder Ungeduld.
Die Gesellschaft von morgen
Das Primarstufenstudium verbindet fachliche und fachdidaktische Bildung, Bildungswissenschaften und pädagogisch-praktische Erfahrungen. Es führt damit immer wieder zu einer Kernfrage pädagogischer Professionalität: Was brauchen Kinder, damit Lernen gelingt und Entwicklung möglich wird? Die unterschiedlichen Perspektiven des Studiums wurden auch in den einleitenden Worten der Schwerpunktverantwortlichen sichtbar: Birgit Draxler, Heidelinde Johanna Balzarek, Kerstin Angelika Zechner, Manfred Ostertag, Lukas Prenner und Natalie Schrammel setzten Impulse zu Sprache, Kultur und Inklusion ebenso wie zu Gesundheit, Mitverantwortung und den Veränderungen des Lernens durch künstliche Intelligenz. Langensteiner rückte im Rahmen seiner Ausführungen einen Anspruch ins Zentrum, der im Leitbild der PH NÖ verankert ist: eine Pädagogik vom Kind her. Wer Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen erschließt, eröffnet ihnen Zugänge zur Welt.
Wer unterschiedliche Voraussetzungen wahrnimmt, kann Wege eröffnen, die einem Kind zuvor verschlossen schienen. "Denn in den Klassen von heute sitzt die Gesellschaft von morgen", so Langensteiner. Damit reicht der Auftrag von Schule weit über die Vermittlung von Wissen hinaus. In den Klassen von heute wachsen Menschen heran, die später Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und mit Verschiedenheit umgehen werden. Die Bedeutung des Lehrberufs formulierte Langensteiner entsprechend deutlich: "Sie bilden die kommenden Generationen aus; Sie helfen jungen Menschen, urteilsfähig, selbstständig und mitmenschlich zu werden."
"Zukunft beginnt dort, wo ein Kind erlebt: Ich kann etwas beitragen. Mein Handeln macht einen Unterschied", so Langensteiner. Musikalisch begleitet wurde die Feier von Johannes Steiner, Mike Rumpeltes und Johannes Winkler. Ihr Zusammenspiel verlieh der Graduierungsfeier Leichtigkeit und Wärme und setzte besondere Akzente.
Wie sich pädagogische Qualität bewährt
Von der gesellschaftlichen Dimension lenkte Langensteiner den Blick zurück zum einzelnen Kind: Kinder kommen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Geschichten und Voraussetzungen in die Schule. Manche treten voller Zutrauen auf, andere haben früh gelernt, sich selbst wenig zuzutrauen. Pädagogische Beziehung zeigt sich deshalb auch darin, ob ein Kind Unsicherheit äußern, einen Fehler eingestehen oder um Unterstützung bitten kann – und ob ihm darauf so begegnet wird, dass seine Würde gewahrt und ein nächster Schritt möglich bleibt. Für die Kraft menschlicher Verbundenheit bezog er sich auf Rainer Maria Rilkes Gedicht "Liebes-Lied":
Das darin entworfene Bild zweier Saiten, die ihre Eigenart bewahren und im Zusammenspiel etwas Gemeinsames hervorbringen, übertrug er auf die pädagogische Beziehung. Lehrpersonen gestalten den Rahmen, in dem Kinder ihre eigene Stimme finden und entwickeln können. Darüber hinaus verwies Rektor Bernd Langensteiner auf das Orpheus Chamber Orchestra, bei dem sich gelegentlich ein Mitglied in den Zuschauerraum setzt und von dort hört, wie das gemeinsame Spiel wirkt: "Die Gesellschaft von morgen übt heute, wie Zusammenleben gelingt − In Ihrer Klasse", so Langensteiner. Auf Schule übertragen bedeutet dieser Perspektivwechsel, das eigene Handeln immer wieder von der Seite der Kinder her zu betrachten: Was kommt von einer Erklärung tatsächlich an? Langensteiner verdichtete diesen Anspruch in einem Satz: "Pädagogische Qualität muss sich daran bewähren, was wirkt."
Was aus dem Erreichten wächst
Pädagogisches Handeln gewinnt seine Richtung nicht allein aus dem Ziel, sondern auch aus den Werten, die es tragen. Mit der Graduierung ist etwas erreicht – aber längst nicht abgeschlossen: Erfahrungen im Kollegium, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Veränderungen würden auch das weitere Berufsleben begleiten, betonte er. In diesem Zusammenhang griff Langensteiner eine Unterscheidung der Psychologin Eva Asselmann auf: Ein konkretes Ziel könne verfehlt werden, der zugrunde liegende Wert bleibe bestehen. Am Ende schloss sich der Kreis, als Langensteiner zu seiner Ausgangsfrage zurückkehrte: "Wie betreten wir die Welt?" Sein Wunsch an die Absolventinnen und Absolventen richtete den Blick bereits auf die Kinder, denen sie künftig begegnen werden: "Mögen Kinder durch Ihre Begleitung Mut zu ihren eigenen Schritten gewinnen."
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