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ptp20190525001 Forschung/Technologie, Bildung/Karriere

Vorträge und Diskussion zu "Publish and Perish - wie publizieren, ohne sich zu verlieren" an der Universität Wien

Veranstaltungstermin am 28. Mai im Hauptgebäude


Wien (ptp001/25.05.2019/08:00) - "Publish or Perish" - "Publiziere oder geh zugrunde" - das ist das Mantra des zeitgenössischen Wissenschaftsbetriebs. Vor allem WissenschaftsfunktionärInnen versichern dem sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs: "Veröffentlicht, veröffentlicht und für Euer wissenschaftliches Überleben, nein, für Eure Karriere ist gesorgt."

Doch halten diese Durchhalteparolen einer kritischen Überprüfung stand?

* Die Universitäten produzieren zu viele Promovierte, stellen massenhaft befristete LektorInnen (Lehrbeauftrage) und Projektmitarbeiter an.

* Zwei Drittel aller Lehrveranstaltungen in Österreich, Deutschland, den USA werden nicht von ProfessorInnen (auf Dauerposten), sondern von sogenannten befristeten LektorInnen abgehalten.

* Ihre Verträge müssen nicht verlängert werden, und nach acht Jahren müssen sie gehen - ganz egal, wie kompetent und erfolgreich sie sind. Das Elend der Post-Docs und der habilierten "Privatdozenten" ist groß. Sie sind die neuen wissenschaftlichen TagelöhnerInnen.

* Promotionen und andere wissenschaftliche Arbeiten sind oft für die ArbeiterInnen nicht nachhaltig produktiv, sondern sie werden einerseits als Ausbildungsabfall und andererseits von fest angestellten WissenschaftlerInnen für ihre Zwecke gebraucht.

Schauen wir uns die kritischen Befunde der Wissenschaftsforschung an: Ein Wissenschaftsstar, "most cited" Scientist usw., lebt nicht zuletzt von "Matthäus-Effekten" (Robert K. Merton), "denn jene die haben, denen wird gegeben werden; jene, die nicht haben, wird sogar das noch genommen werden" (Gleichnis vom anvertrauten Gelde, Evangelium nach Matthäus).

Immer mehr Wissenschaftler produzieren für einen schrumpfenden Markt, das heißt, ein großer Teil der Publikationen wird kaum mehr rezipiert und vor allem wird er nicht für weitergehende Forschung verwendet.

Auf eine zugespitzte Formel gebracht: Es gibt Leute, die sollen/müssen publizieren; die wahren MeisterInnen jedoch lassen publizieren, von einer Heerschar von MitarbeiterInnen. Wenn sie berühmt geworden sind, dann werden sie sogar als EhrenautorInnen in Publikationen angeführt, ohne etwas geleistet zu haben. Sie sollen mit ihren klingenden Namen vor allem die Publikations- und Sichtbarkeitschancen steigern. Oder sie werden von Pharmaunternehmen und anderen Organisationen für Werbezwecke eingeladen, Studien unter ihrem Namen zu veröffentlichen, die von Ghostwritern dieser Unternehmen verfasst wurden. Für die Übernahme dieser Ehrenautorenschaften erhalten sie nicht unbeträchtliche Zahlungen. Manche "Graphomanen" bringen es zu 1000 Publikationen in zehn Jahren.

Wofür schreiben WissenschaftlerInnen? Glauben wir den Sonntagsreden, dann schreiben sie, um mit ihren FachkollegInnen Ideen und Befunde auszutauschen, um Kritik zu üben und Kritik zu erhalten. Doch die wichtigste Funktion in der heutigen konkurrenzorientierten Evaluationskultur ist es: Sie schreiben, um gezählt zu werden - ihr "Output" (wieviel publiziert) und ihr "Impact" (wie oft zitiert). Beides wird von Zitationsdatenbanken gemessen wie Web of Science oder Scopus.

Vor allem AutorInnen mit LOTE-Namen (Languages Other Than English) mit Umlauten, Akzenten usw. müssen hier die Verhunzung ihrer Namen bei der Indexierung etwa im SSCI (Social Sciences Citation Index) befürchten. Endogene Datenbankfehler (also Fehler, die erst bei der Aufnahme in die Datenbank entstehen) können daher den Publikations- und Zitationserfolg verringern. Ganze Wissenschaftsdisziplinen können darunter leiden und die Universitäten, an denen sie vertreten sind: So werden aufgrund von falschen Zuordnungskriterien sozial-, kultur-, geisteswissenschaftliche Publikationen mit mehr als 100 Referenzen nicht als Originalstudie, sondern als "Review" geführt und erst gar nicht gezählt, im Shanghai-Uni-World Ranking.

Wir sollten daher nicht wie die Lemminge dem Mantra "Publiziere oder Stirb" hörig folgen, sondern für eine neue Form von Qualitätsmanagement in den Wissenschaften eintreten: Die "Tonnenideologie" (so Alfred Kieser, Betriebswirtsprofessor und Organisationstheoretiker) heutiger Wissenschaftsevaluation, eigentümlich verwandt der früheren sowjetischen Planwirtschaft, hat auch negative Effekte auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess: Geforscht muss an Main-Stream-Themen werden, einerseits um überhaupt zu Forschungsgelder zu kommen, andererseits, damit sie eine Chance haben, in sogenannten "Top-Journalen" veröffentlicht zu werden.

Geforscht werden sollte aber an Problemen, die für viele Menschen von existentieller Bedeutung sind, um Lösungen zu finden, oder weil uns die wissenschaftliche Neugierde dorthin vorantreibt. Denn "Serendipity"-Effekten - etwas zu suchen, aber etwas ganz anderes zu finden, das nicht sofort in der Praxis verwertet werden kann - verdanken wir wichtige wissenschaftliche Entdeckungen.

Infos zur Veranstaltung:

Publish and Perish - wie publizieren, ohne sich zu verlieren

Ort: Universität Wien, Hauptgebäude, Hörsaal 34 (Hochparterre)

Zeit: Dienstag, 28.5.2019, 18.30 Uhr

Impulsreferate:

* Marlies Ockenfeld (Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen - DGI (Präsidentin), jahrzehntelang Chef-Editorin des referieren SCOPUS-indexierten Journals, Verlag De Gruyter, IWP - Information: Wissenschaft und Praxis): "Erfahrungen einer Journalherausgeberin"

* Terje Tüür-Fröhlich, Linz: "Endogene Datenbankfehler und wie sie bestimmten Gruppen von WissensarbeiterInnen schaden und was wir dagegen tun können"

Weiters am Podium:
* Gerhard Fröhlich, Linz
* Klaus Feldmann, Uni Hannover/WU Wien

Moderation:
Anton Tantner, Universität Wien

Veranstalter:

IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen
https://igelf.wordpress.com/2019/05/20/veranstaltungsankuendigung-publish-and-perish-28-5-2019-1830-uni-wien

Österreichische Gesellschaft für Dokumentation und Information (ÖGDI), Fachausschuss Informationsethik und Wissenschaftsintegrität
http://oegdi.at/ http://oegdi.at

Gefördert vom Verband der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs (VWGÖ):
http://vwgoe.at

(Ende)
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