Präsident des Weltverbands für Psychiatrie stellt sich gegen die Internationalen WHO/UN-Leitlinien
Bei Frankfurter Ausstellung melden 16 Betroffene psychiatrische Missstände
Frankfurt am Main/München (pts001/18.10.2026/08:35)
Die WHO und die UN fordern die Abschaffung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen und ein Verbot von Elektrokrampftherapie (EKT) bei Kindern – doch der erste deutsche Präsident des Weltverbands für Psychiatrie (WPA), Prof. Thomas G. Schulze, stellt sich dagegen und verteidigt den Einsatz von Elektroschocks.
Nach sieben Tagen ist die internationale Wanderausstellung "Psychiatrie: Tod statt Hilfe" in Frankfurt am Main zu Ende gegangen. Während der Ausstellung meldeten sich 16 Betroffene bei der Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte Deutschland e.V. (KVPM) und berichteten über eigene Erfahrungen mit psychiatrischen Übergriffen.
Eine Frau berichtete, sie sei in psychiatrischen Einrichtungen fixiert und gegen ihren Willen mit zahlreichen Psychopharmaka traktiert worden. Eine weitere Betroffene, die nach eigenen Angaben zwölf Jahre in psychiatrischer Behandlung verbracht hatte, brachte Unterlagen mit, um ihren Fall weiter aufarbeiten zu lassen. Sie zeigte sich erleichtert, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihr zuhöre. Eine weitere Besucherin berichtete von Erfahrungen in der Kinderpsychiatrie, wo aus ihrer Sicht normales kindliches Verhalten pathologisiert worden sei.
Die KVPM dokumentiert die eingegangenen Fälle und unterstützt Betroffene bei deren weiterer Aufarbeitung.
Kritik auch von Eröffnungsrednern
Der Volljurist und Menschenrechtsaktivist Michael Langhans berichtete bei der offiziellen Eröffnung aus seiner Arbeit:
"Ich arbeite selbst täglich mit psychologischen und psychiatrischen Gutachten. Deshalb kann ich bestätigen: Diese Missstände setzen sich auf dem Papier und bei Gericht fort, weil zu viele Menschen sie zulassen. Sachverhalte werden ungeprüft übernommen. Diagnosen werden gestellt, ohne dass die Betroffenen exploriert wurden. Verschiedene Ärzte stellen zum selben Sachverhalt unterschiedliche Diagnosen."
"Lassen Sie uns dafür sorgen, dass jeder erkennt: Der Kaiser der Psychiatrie steht nackt da, wenn er sich nicht mehr hinter dem DSM-5 und ICD-11* versteckt." Die Psychiatrie …. ist teils gefährlich, aber jedenfalls erheblich reformbedürftig, und diese Reform beginnt damit, dass wir hinschauen und aussprechen, was wir sehen, egal was andere denken."
Als weiterer Redner berichtete Peter Talkenberger, Buchautor und Co-Autor zahlreicher Publikationen, über seine Mitwirkung bei der Recherche- und Redaktionsarbeit bei dem 1994 erschienenen Buch "Die Männer hinter Hitler", das die Rolle führender Psychiater vor und während des Nationalsozialismus aufzeigt.
Erst 2010 räumte der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) öffentlich ein: "Psychiater haben in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen verachtet, die ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten in ihrem Vertrauen getäuscht und belogen, die Angehörigen hingehalten, Patienten zwangssterilisieren und töten lassen und auch selber getötet. An Patienten wurde nicht zu rechtfertigende Forschung betrieben, Forschung, die Patienten schädigte oder gar tötete."
WHO und UN Leitlinie fordert einen grundlegenden Paradigmenwechsel
2023 veröffentlichten die Weltgesundheitsorganisation WHO und das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) gemeinsam die Leitlinie Mental health, human rights and legislation: guidance and practice.
In einer gemeinsamen Veröffentlichung fordern die WHO und die UN ihre 193 Mitgliedsstaaten dazu auf, u.a. folgende Reformen durchzuführen:
- "Der Gesetzgeber sollte alle unfreiwilligen Maßnahmen eindeutig verbieten."
- "Zwangspraktiken in der psychiatrischen Versorgung verletzen das Recht auf Schutz vor Folter oder grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung…"
- "Eine Person darf an einer anderen Person keine der folgenden Maßnahmen anwenden oder durchführen: (a) Tiefschlaftherapie; (b) Insulinkomatherapie; (c) Psychochirurgie und (d) jede andere Operation oder Behandlung, die durch Vorschriften verboten ist."
- "Die Patienten müssen das Recht haben, die Behandlung abzulehnen und sich für alternative medizinische Hilfe zu entscheiden."
- "Elektroschocks verursachen Hirnschäden und sollten bei Kindern verboten werden."
Ausgerechnet der erste deutsche WPA-Präsident stellt sich gegen die Internationalen WHO/UN-Leitlinien zur Stärkung der Patientenrechte und Selbstbestimmung
Besondere Aktualität erhält der Konflikt dadurch, dass mit Prof. Thomas G. Schulze erstmals ein deutscher Psychiater an der Spitze der World Psychiatric Association steht.Gerade vor dem Hintergrund der dunklen Geschichte der deutschen Psychiatrie sieht die KVPM darin eine besondere Verantwortung.
Führende NS-Psychiater waren Wegbereiter und Architekten des Massenmords. Sie entwickelten und propagierten rassenhygienische Konzepte, lieferten pseudo-wissenschaftliche Legitimationen, wirkten an gesetzlichen Grundlagen mit und trieben deren praktische Umsetzung voran. Psychiater übernahmen später zentrale Funktionen bei Planung, Legitimation, Organisation und Durchführung der systematischen Ermordung von schätzungsweise 250.000 – 300.000 psychiatrischer Patienten. Personal der sechs psychiatrischen Tötungsanstalten des sogenannten "Euthanasie"-Programms wurde später auch beim Betrieb nationalsozialistischer Vernichtungslager in Polen eingesetzt. Bernd Trepping, Vorstand der KVPM Deutschland e.V., erklärt:
"Wer als erster deutscher Psychiater an die Spitze des Weltverbands für Psychiatrie gewählt wird, sollte sich der besonderen Verantwortung um die Würde und Rechte der Patienten bewusst sein, die durch die Beteiligung der DGPPN-Vorläuferorganisationen an den NS-Verbrechen, an massenhaften Krankenmorden und Zwangssterilisationen erwachsen ist. Er sollte alles daransetzen, dass Menschenrechte in der Psychiatrie weltweit endlich Wirklichkeit werden. Deutschland hätte die historische Chance, aus der dunkelsten Geschichte eine Verpflichtung für die Zukunft zu machen und zum Vorreiter für Selbstbestimmung und Menschenrechte zu werden, indem Schulze die von der WHO/UN angeordneten Reformen umsetzt. Schulze droht diese Chance zu verspielen."
Stattdessen protestiert der deutsche WPA-Präsident gegen die Umsetzung der WHO/UN-Leitlinien und behauptet: "Das wäre fatal"
Bereits im April warnte Schulze gegenüber der Süddeutschen Zeitung vor einer Umsetzung der WHO-Leitlinien durch politische Entscheidungsträger: "Das wäre fatal."
Prof. Alexander Sartorius, Leiter der Abteilung für Elektrokrampftherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, bezeichnete den WHO-Vorstoß sogar als "einen brutalen Anschlag auf die biologische Psychiatrie".
Damit werden internationale Leitlinien, deren erklärtes Ziel der Schutz der Menschenrechte vor Eingriffen ohne freie Zustimmung ist, von führenden Vertretern der deutschen Psychiatrie als Bedrohung dargestellt.
Dabei wies selbst der ehemalige Vorsitzende der DSM-IV-Task-Force*, der US-Psychiater Allen Frances in seinem Buch "Normal – gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen" selbst darauf hin, dass psychiatrische Diagnosen weiterhin auf fehlbaren subjektiven Beurteilungen und nicht auf objektiven biologischen Tests beruhen.
KVPM fordert konkrete Umsetzung
Die KVPM fordert die Bundesregierung, Länder und psychiatrische Fachgesellschaften auf, die gemeinsamen WHO/OHCHR-Leitlinien konsequent in Deutschland umzusetzen. Dazu gehören insbesondere:
- ein gesetzliches Verbot von jeglicher psychiatrischer Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung;
- freie und informierte Zustimmung als verbindliche Grundlage psychiatrischer Behandlung;
- die Überwindung von Fixierung, Isolation und Zwangsmedikation zugunsten freiwilliger Alternativen;
- ein gesetzliches Verbot der Elektrokrampftherapie (EKT) bei Kindern und Jugendlichen;
- die Schaffung von Transparenz mittels einer einheitlichen Dokumentationspflicht für alle psychiatrische Einrichtungen sowie die Möglichkeit, diese Dokumentation öffentlich einzusehen;
- unabhängige Kontroll- und Beschwerdemöglichkeiten für Betroffene.
"Wir fordern ein gesetzliches Verbot jeglicher Art von Zwangsbehandlung in der Psychiatrie sowie eine einheitliche Dokumentationspflicht, um Transparenz zu schaffen und psychiatrischen Übergriffen Einhalt zu gebieten", erklärt Trepping.
Die 16 während der Frankfurter Ausstellung gemeldeten Fälle von Betroffenen werden dokumentiert und – soweit gewünscht – anhand von Patientenakten und anderen Unterlagen aufgearbeitet.
Die KVPM wird außerdem die Umsetzung der WHO/UN-Menschenrechtsvorgaben in Deutschland und die Amtsführung des neuen WPA-Präsidenten öffentlich begleiten.
*Die DSM-IV-Task-Force war eine Arbeitsgruppe von Psychiatern und anderen Fachleuten, die das amerikanische Diagnosehandbuch für psychische Störungen (DSM-IV) erarbeitete, das 1994 veröffentlicht wurde. Ihre Aufgabe war es, festzulegen, welche psychischen Störungen in das Handbuch aufgenommen werden und nach welchen Kriterien sie diagnostiziert werden sollen. Das DSM-IV wurde weltweit als Grundlage für psychiatrische Diagnosen verwendet.
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