pts20031001035 in Leben
Gesundheit nur mehr für Reiche?
Kann sich die EU die erhöhte Lebenserwartung seiner Bürger nicht mehr leisten?
Bad Gastein (pts035/01.10.2003/23:44)
"Ehe die Toten nicht auf der Straße liegen, wird nichts passieren!"Wundgelegene, ungepflegte Patienten in Achtbettzimmern, mangelhafte medizinische Betreuung, Bettruhe um 15 Uhr, hoffnungslos überlastetes Personal - die jüngsten Berichte über die menschenunwürdigen Zustände im Pflegeheim Lainz, Österreich, sind erschütternd. Doch Lainz ist kein Einzelfall, nicht in Österreich und nicht in Europa. Bei der Hitzewelle im Sommer starben in Frankreich fast 10.000 Menschen - die meisten weniger durch die Hitze, als durch die Unterversorgung in den Krankenhäusern. Obwohl durch solche Skandale die Misere in der Kranken- und Altenpflege wieder kurz in die Öffentlichkeit rückt, befürchtet Dr. Hans Stein, dass "ehe die Toten nicht auf der Straße liegen, in der Politik nichts passieren wird!" Stein ist zuständig für die Programmplanung des Parallel-Forums "Gesundes Altern" beim 6. European Health Forum Gastein.
Gesundheit nur mehr für Wohlhabende
Der renommierte europäische Gesundheitsgipfel tagt zwischen 1. und 4. Oktober 2003 in Bad Gastein und führt wieder 550 namhafte Entscheidungsträger aus den europäischen Institutionen zusammen mit Vertretern der Patienten und Konsumenten, der Politik, Wirtschaft, Industrie und Wissenschaft aus mehr als 43 Nationen, um Fragen der Gesundheit in gesamteuropäischer Perspektive zu erläutern. Das Generalthema "Gesundheit und Wohlstand" könnte aktueller nicht sein: In allen EU-Staaten wird heftig debattiert, wie man die explodierenden Kosten im Gesundheits- und Sozialbereich in den Griff bekommt. Das Gesundheitsforum ist dafür bekannt, dass dort die heißen Eisen der europäischen Gesundheitspolitik angepackt werden. "Das EHFG ist keine Plauderstunde!", sagt EHFG-Präsident Prim. Dr. Günther Leiner.
Kann sich die EU Alte und Kranke nicht mehr leisten?
Prognosen zufolge wird die Zahl der Menschen über 65 in den 15 EU-Staaten bis zum Jahr 2050 auf etwa 103 Millionen anwachsen, während die Zahl der arbeitenden Menschen abnimmt. Die Zahl der über Achtzigjährigen wird sich erhöhen von knapp 14 Millionen im Jahr 2000 auf rund 38 Millionen im Jahr 2050. Die Folgen sind klar: Die Ausgaben für Gesundheits-Dienstleistungen werden in die Höhe schnellen; die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen führt dazu, dass Pflegebedürftige zunehmend in Institutionen versorgt werden müssen - das könnte große Personal-Engpässe mit sich bringen.
Trotzdem glaubt der Programmplaner Hans Stein nicht, dass der Sozialstaat unter der Last der Alten kollabieren würde, und fordert zunächst die Korrektur einer "katastrophalen Einstellung"; in der steigenden Lebenserwartung hätten sich schließlich die wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der EU manifestiert: "Nun haben wir eine hohe Lebenserwartung und statt stolz darauf zu sein, versetzt man die Bürger in Angst und Schrecken!", sagt Stein und fordert daher eine offene Debatte aus gesamteuropäischer Sicht.
Grenzenlose Gesundheit
Darüber hinaus sieht Hans Stein die Möglichkeiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich noch nicht ausgeschöpft. Immerhin gibt es bereits Pilotprojekte, um einen Ausgleich zwischen der Über- und Unterversorgung zu schaffen, die in manchen Regionen besteht. Beim 6. EHFG wird Dr. Henk Nies, Leiter des Netherland's Institut of Care and Welfare, ein bemerkenswertes Projekt präsentieren: CARMEN - the Care and Management of Services for Older People in Europe Network - ein Projekt, an dem 40 Organisationen aus zehn Ländern beteiligt waren, um eine internationale, kostengünstige und umfassende Altenpflege aufzubauen.
Gesunde Senioren steigern die Produktivität
Ganz und gar nicht negativ blickt die EHFG-Expertin Dr. Patricia Barry vom MIAH (Merck Institute für Ageing and Health, Washington) in Europas vermutlich seniorenreiche Zukunft: Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass sich mit der größeren Lebenserwartung auch die Lebens-Spanne verlängert, die bei guter Gesundheit zugebracht werden kann. Senioren bedürften daher weniger bzw. später vermehrter medizinischer Hilfe; sie sind keine überdurchschnittliche Belastung für die Krankenversicherungen, sondern, im Gegenteil, erhöhen die Produktivität eines Staates, weil sie länger arbeitsfähig bleiben. "Arbeitskraft ist mit Gesundheit, nicht mit Lebensdauer gekoppelt", erklärt Barry.
Senioren nicht nur am Leben, sondern gesund und selbständig erhalten
"Die Rolle, die die Medizin in einer alternden Gesellschaft zu spielen vermag, ist, den älteren Menschen nicht nur das Leben zu verlängern, sondern sie gesund zu erhalten und ihnen ein schönes Leben zu ermöglichen", sagt Barry, Expertin für Geriatrie und Öffentliche Gesundheit. Was kürzlich in Deutschland angedacht wurde, nämlich einem 70-jährigen Menschen ein neues Hüftgelenk auf Kassenkosten zu verweigern und ihn damit zu einem Rollstuhlfahrer und Pflegefall zu machen, findet auf keinen Fall Barrys Zustimmung. In Hinblick auf die gesellschaftlichen Veränderungen fordert Barry von den Gesundheits- und Sozialpolitikern, größeren Nachdruck auf Präventiv-Strategien zu legen: In der Förderung gesünderer Ernährung etwa oder der körperlichen und mentalen Betätigung der älteren Leute. Gesundes Altwerden müsse mit allen Mitteln gefördert werden, das mache sich auf lange Perspektive bezahlt - nichts komme schließlich einer Krankenkassa so billig wie ein Gesunder, der ein selbständiges Leben führen könne.
Arbeiten bis 100
Gesund sein bis ins hohe Alter; über 65 sein und doch noch arbeitsfähig - soll das heißen, die Menschen müssten länger arbeiten, ehe sie in den Ruhestand gehen dürfen? Dr. Hans Stein, Programmgestalter des EHFG-Parallelforums "Ageing", missbilligt diese Lösung, "weil sie keine Lösung ist". Es sei müßig, die Menschen dem Papier nach erst mit 67, 80 oder 100 in Pension zu schicken, wenn sie doch mit 50 Gefahr liefen, als unvermittelbare Arbeitslose auf der Straße zu stehen: "Da müsste sich massiv etwas in der Beschäftigungspolitik ändern", sagt Stein. Für viele wäre außerdem der jähe Übertritt ins Pensionsalter ein Schock: "Von einem Tag auf den anderen verändern sich der gewohnte Lebensstil und der gesellschaftliche Status. Der soziale Kontakt mit den Kollegen und die Anerkennung für die Arbeitsleistung gehen verloren", erklärt Stein, "gesellschaftliche Isolation und Einsamkeit führen nicht selten zu Altersdepression, die häufiger tödlich endet oder die Lebensqualität weit mehr vermindert, als dies bei Demenz der Fall ist. Es wäre daher zu überlegen, ob nicht ein flexibler Übergang in den Ruhestand - etwa über den Zeitraum von zehn Jahren - in mehrfacher Hinsicht sinnvoll wäre: Die Pensionskassen würden entlastet und die Krankenkassen sind es auch, wenn aktive Semi-Senioren aktiver, sozial eingebunden und gesünder bleiben."
Fotos und weitere Medieninformationen auf www.ehfg.org (Ende)
| Aussender: | European Health Forum Gastein |
| Ansprechpartner: | Dr. Carmen Kiefer |
| E-Mail: | carmen.kiefer@utanet.at |

