pts20031002028 in Leben
Der Segen des Bioterrors
Europa rüstet gegen ansteckende Krankheiten wie SARS
Bad Gastein (pts028/02.10.2003/20:08)
Zeit ist nicht nur Geld. Zeit ist Gesundheit und eine Frage auf Leben und Tod, wenn es um anstreckende Krankheiten wie SARS geht. Auch der Ausbruch einer gefährlichen Infektionskrankheit in Südostasien kommt einer Bedrohung für Europa gleich. Entfernung bedeutet im "globalen Dorf" nichts mehr, Zeit dagegen alles. Ein paar Flugstunden nur, schon kann die Seuche auch in Frankfurt, Mailand oder Brüssel zu wüten beginnen. "Darum müssen wir alles daran setzen, jeden Zeitverlust bei der Seuchenprävention und -bekämpfung zu vermeiden. Sonst kann aus einem kleinen Ausbruch eine schwerwiegende Epidemie werden", betonte Dr. Georgios Gouvras beim 6. European Health Forum Gastein. Der Experte der Europäischen Kommission ist für die Bekämpfung von Gesundheitsbedrohungen wie Seuchen oder Bioterror zuständig und stellte beim 6. EHFG Europas Schlachtpläne für den Kampf gegen hochinfektiöse Krankheiten wie SARS vor.Vorübergehender Sieg über SARS
Ein bisschen Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- und Muskelschmerzen... Grippe in Verzug? Oder hat den Reisenden, die Stewardess oder den Arzt doch SARS erwischt? Das Gefährliche an SARS: Aufgrund der unspezifischen Symptome am Beginn kann SARS leicht übersehen oder mit einer Grippe oder Erkältung verwechselt werden. So war es auch möglich, dass sich das Schwere Akute Respiratorische Syndrom rasant über den Globus verbreitete. Die ersten Fälle gab es im November 2002 in Südchina, im März 2003 zählte man SARS-Kranke weltweit. Am stärksten betroffen waren China, Hongkong, Taiwan, Kanada und Singapur, aber auch Europa bliebt nicht verschont: Von 31 gemeldeten Fällen ging einer tödlich aus. Über 8.000 Menschen in mehr als 30 Ländern hatten sich infiziert, über 900 überlebten die Krankheit nicht. Trotz des vorübergehenden Sieges über die Krankheit - am 5. Juli erklärte die WHO die Welt SARS-frei - besteht kein Grund zur Sorglosigkeit ist, wie der jüngste Erkrankungsfall in Singapur im September deutlich machte. Mit ihm sehen viele Mediziner ihre Befürchtung bestätigt, dass es mit dem kommenden Winter eine neue Auflage der gefährlichen Krankheit geben könnte.
Die Lehre vom Bioterror
"Wir können nicht sagen, ob SARS in Europa wiederkommt, müssen uns aber bei den vorbereitenden Maßnahmen vom schlimmst möglichen Szenario ausgehen", erklärte Gouvras. Die Rückkehr von SARS würde eine große zusätzliche Last für die Gesundheitssysteme bedeuten. "Man müsste dann all den Fällen nachgehen, die Symptome wie Grippe aufweisen, aber SARS sein könnten", beschreibt Gouvras. Die Einführung von verstärkter Überwachung und zusätzlichen Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit wären unumgänglich. Gäbe es heute wieder einen SARS-Erkrankten in Europa, so würde man vermutlich reagieren, wie gehabt und wie es sich bereits als sinnvoll erwiesen hat, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen: Strenge Überwachungsmaßnahmen, Feststellung von Krankheitsfällen, Isolierung der Patienten, Infektionskontrolle und Rückverfolgung möglicher sozialer Kontakte, die der Infizierte hatte. Ohne zynisch sein zu wollen, gibt Gouvras zu, in diesen Bereichen sehr viel vom Kampf gegen Bioterror, insbesondere vom BICHAT-Programm (programme on preparedness and response to biological and chemical agent attacks) profitiert zu haben. Aber auch im Bereich der Laboranalysen sei man ein schönes Stück weiter gekommen sowie bei der Planung von Gegenmaßnahmen, um die Öffentlichkeit vor Ansteckung zu bewahren. Bioterror hat sich also insofern gelohnt.
Taiwanesische Erfahrungen: Privatkrankenhäuser als Hemmschuh
Als nützlich erweisen sich nicht nur die Vorkehrungen gegen Bioterror, auch von den Erfahrungen der von SARS am stärksten betroffenen Ländern kann Europa seine Lehren ziehen: Hong-Jen Chang, Präsident des Bureau of National Health Insurance und einer der Schlüsselmänner der SARS Task Force, schildert die drei Hauptgründe, warum sich die Seuche so schnell in Taiwan ausbreiten konnte: Zu dem Problem, dass SARS erst wie ein Grippe und dann wie eine Lungenentzündung in Erscheinung tritt und viel Zeit verstreicht, ehe der Infizierte isoliert wird, kommt die Tatsache, dass die meisten Krankenhäuser über große ambulante Abteilungen verfügen, d.h. jeden Morgen kommen und gehen Tausende Patienten und ihre Angehörigen. Außerdem sind die große Mehrheit der Krankenhäuser und Krankenbetten privat, daher gehen die wirtschaftliche Interessen der meisten Spitäler vor dem öffentlichen Interesse, die Volksgesundheit zu erhalten, und erwiesen sich besonders am Anfang als großer Hemmschuh für die Seuchenbekämpfung.
Hausarrest und Fiebermessen
Die wohl berühmteste Maßnahmen, die in Taiwan ergriffen wurden, um die Seuche einzudämmen, ist das Fiebermessen beim Betreten in öffentlichen Gebäuden, besonders aber bei Gesundheitseinrichtungen. Damit sollte verhindert werden, dass der SARS-Virus weiter herumgeschleppt wird. Es wurden Reiseeinschränkungen für exponierte Persönlichkeiten erlassen, Quarantäne verordnet und die Öffentlichkeit aufgeklärt. Alle Krankenhäuser wurden dazu angehalten, Isolier- und Fieberstationen zu errichten. Letztere dienten dazu, Menschen mit Fieber nach den Plänen der SARS Task Force zu überwachen. In den ersten zehn Junitagen forderte man die gesamte Bevölkerung auf, zweimal täglich ihre Körpertemperatur zu messen, öffentliche wie private Einrichtungen unterstützten diese Maßnahme. Eine kostenlose Fieberhotline wurde eingerichtet, um nicht speziellen Fieberstationen in den Krankenhäusern zu entlasten. Durch die rasche Durchführung dieser Maßnahmen und nicht zuletzt durch die erfolgreiche Mobilisierung der Bevölkerung zur Mithilfe konnte SARS schneller unter Kontrolle gebracht werden, als erhofft. Taiwan war nach China und Hongkong am drittschlimmsten betroffen und hatte den größten Prozentsatz an Toten pro Infektion: Von 665 Infizierten starben 180.
Grippezeit: Prüfstein für internationale Kooperation
"Als letztes Jahr einige SARS-Fälle in Europa entdeckt wurden, war es noch Sache der Einzelstaaten, darauf zu reagieren", erörtert Gouvras die Lage, die vielen Experten als mangelhaft erschienen war. Das seit 1991 bestehende EU-Netz für übertragbare Krankheiten, das die Europäische Kommission auf der Basis einer punktuellen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten verwaltet, biete den Bürgern einfach nicht ausreichend Schutz. "Die EU will jetzt schrittweise die internationale Zusammenarbeit zwischen den Staaten erhöhen, damit effizienter bei Ausbruch neuer Seuchen reagiert werden kann und zur besseren Überwachung bereits bekannter Krankheiten. Die nun anbrechende Grippezeit könnte ein erster Prüfstein für unsere Reaktionsfähigkeit sein. "Beim letzten Gesundheitsrat am 2. Juni wurde ein kohärenter Aktionsplan für die EU- und die EU-Betrittsstaaten entworfen, der bereits in Anwendung ist. Damit verfügt die EU über ein gut entwickeltes System, um die Reaktionen auf Seuchen zumindest europaweit koordinieren zu können. Der Winter kann also kommen.
European communicable disease network
Doch damit noch nicht genug: Um künftig schneller auf Seuchengefahren wie SARS reagieren zu können, will die Kommission bis 2005 ein Europäisches Zentrum für Prävention und Bekämpfung von Seuchen errichten, das ECDN (European communicable disease network). "Das neue Zentrum wird zu Synergien zwischen den bestehenden einzelstaatlichen Zentren für die Seuchenbekämpfung führen und diese erheblich verstärken. Auch wird der Kernbestand eines kleinen Expertenteams dann über ein weites Netz an Ansprechpartnern in den Gesundheitseinrichtungen und Forschungsstätten der Mitgliedsstaaten verfügen. Durch die Bündelung des Expertenwissens in ganz Europa sei dieses Team in der Lage, wissenschaftliche Beratung zu schwerwiegenden Gesundheitsbedrohungen zu leisten, die entscheidenden Schritte zur Seuchenbekämpfung zu empfehlen, rasch Interventionsteams zu mobilisieren, erläutert Gouvras. Hauptaufgaben des Zentrums seien neben epidemiologische Überwachung, Laborvernetzung, Frühwarnung und wissenschaftliche Beratung. Außerdem könnten betroffenen Ländern bei Bedarf Unterstützungen technischer der auch personeller Natur geboten werden.
Weckruf SARS
Wie es der für Gesundheit und Konsumentenschutz zuständige EU-Kommissar David Byrne auf den Punkt brachte, machen "übertragbare Krankheiten nicht an den Landesgrenzen Halt. Daher dürfen dies auch die Maßnahmen zu ihrer Prävention und Bekämpfung nicht tun". Er begründet die Errichtung des ECDN folgendermaßen: "SARS hat Europa wachgerüttelt und veranlasst, sich besser vorzubereiten." Bis jetzt gebe es lediglich Überwachungssysteme, um die Ausbreitung der SARS-Viren zu verfolgen. Was aber wesentlich fehle, sei ein System zur wissenschaftlichen Beratung, geschweige denn zu Entscheidungsfindung. "In einem Europa, in dem heutzutage Millionen Menschen jeden Tag die Landesgrenzen überqueren, benötigen wird rasche koordinierte Maßnahmen zum Schutz unserer Bürger", erklärte Byrne, "Durch die Bündelung des wissenschaftlichen Sachverstandes in Europa und die Verstärkung unserer Schnellwarnsysteme wird das Zentrum dazu beitragen, dass die EU und die Mitgliedsstaaten besser auf Epidemien und bioterroristische Anschläge vorbereitet sind."
Ausblick: weltweiter Kooperation
Dass sich der Kampf gegen SARS & Co nicht auf Europa beschränken kann, dessen ist sich der Gesundheitskommissar durchaus bewusst. David Byrne und die Europäische Kommission unterstützen daher vollauf die Pläne der WHO, die die 1969 gegründete und 1973 sowie 1980 erneuerten und erweiterten International Health Regulations (IHR) bis 2005 erneuern will. Die IHR regelt die Reaktionsweisen auf den Ausbruch ansteckender Krankheiten, umfasst aber derzeit nur drei Seuchen: Pest, Cholera und Gelbfieber. Mit der Einführung des ECDN sei Europa besonders gut in der Lage, die internationalen Bemühungen um Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich zu unterstützen, sagt Byrne kürzlich. Damit ist ein wichtiger Schritt getan, damit sich Epidemien im "global village" künftig auch global bekämpfen lassen.
Aktuelle Presseinformationen und Fotos unter http://www.ehfg.org (Ende)
| Aussender: | European Health Forum Gastein |
| Ansprechpartner: | Dr. Carmen Kiefer |
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