pts19971204014 in Business
Wiener Publizistik-Institut - auf der Suche nach den Eltern seiner StudentInnen
Wien (pts014/04.12.1997/18:11)
Wer Studierende in den USA hat, kennt dies: den freundlichen Brief zu Beginn des Semesters - "Dear Parents". Wir dachten uns, warum nicht diese freundliche Geste auch bei uns einmal ausprobieren und baten etwa 150 (von ca. 800 !) Erstsemester um die Adressen ihrer Eltern. Sie erhielten in diesen Tagen das folgende Schreiben:Verehrte Eltern,
spätestens Mitte Dezember, wenn das Semester durch knapp drei vorlesungsfreie Wochen unterbrochen wird, werden Sie wahrscheinlich einmal etwas ausführlichere Schilderungen über das Studium und die Universität erhalten. Erlauben Sie, dass ich mich als Institutsvorstand von einem der Fächer, das von Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn gewählt wurde, zu diesen Gesprächen auf diesem Wege auch zu Wort melde. Vielleicht hat diese Studienwahl Sie ohnehin einigermaßen überrascht, weil die Kommunikationswissenschaft zugegebenermaßen keinen so selbstverständlichen Ruf und Bekanntheitsgrad wie Jus, Volkswirtschaft oder Technik genießt. Aber seit nun schon mehr als zwei Jahrzehnten entscheiden sich - übrigens in allen modernen Gesellschaften - eine noch immer kontinuierlich wachsende Zahl junger Menschen zum Studium dieser Disziplin.
Ich denke, sie tun dies aus guten Gründen. Obwohl die Universitäten derzeit in Österreich ja nicht gerade in besonderem Ansehen stehen, weil das Thema "Fachhochschule" Konjunktur hat und sich auf diese viele Wünsche und Hoffnungen zur Lösung der Bildungsprobleme konzentrieren. Erlauben Sie dazu einen Hinweis auf die Zahlenrelationen: jedes Jahr - und so auch zu Beginn dieses Studienjahres - sitzen im Auditorium Maximum unserer Universität 700 bis 800 StudienbeginnerInnen. Mindestens die Hälfte wird auch den ersten Studienabschnitt mit Erfolg hinter sich bringen. Und wiederum ungefähr die Hälfte wird nach vier, fünf oder auch erst sechs Jahren einen erfolgreichen Studienabschluß machen. Damit bewältigen wir allein als einzelne Disziplin in einer Fakultät, die noch eine ganze Reihe ebenso großer Studiengänge in sich vereint und innerhalb einer Universität, der viele Dutzende von Instituten angehören, genauso viele Studierende und AbsolventInnen, wie nur ganz wenige der vor einigen Jahren neugegründeten Fachhochschulen! Anders gesagt: diese neuen Einrichtungen des tertiären Bildungssektors sind eine interessante Innovation, aber keine Lösung der Bildungsbedürfnisse, die Altersjahrgang für Altersjahrgang erfreulicherweise noch immer zunehmen und langsam sogar zur Folge haben, dass Österreich eine im internationalen Vergleich akzeptable Akademikerquote aufweist.
Die heute, morgen und übermorgen Studierenden, Sie als Eltern und wir als Universitätsangehörige müssen also damit leben, dass die österreichische Universität überwiegend eine Massenuniversität bleiben wird, und dass wir alle uns mit allen damit verbundenen Problemen herumschlagen müssen. Dazu gehört nicht zuletzt, dass die Betreuung unserer Studierenden notorisch schwierig und unvollkommen bleibt, und dass jede Studentin und jeder Student ihren hoffentlichen Studienerfolg nicht zuletzt einem konzentrierten Selbststudium verdanken. Darunter leiden nicht zuletzt jene, die zuviel Zeit neben dem Studium für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, die keine guten häuslichen Arbeitsbedingungen haben und denen das notwendige Budget für Lehrbücher und sonstige Studienmaterialien fehlen. Wir alle sollten deshalb realistisch prüfen, woran die häufig lange Studiendauer liegt und dafür die Verantwortung nicht einseitig den Studierenden zumessen.
Dass wir - sozusagen als österreichische Gesellschaft - es unseren Studierenden so schwer machen, ihren Bildungswillen zu realisieren, läßt sich nicht zuletzt an den hohen Abbrecherquoten ablesen. Über dieses Problem wird häufig in der Öffentlichkeit nicht sehr sachlich diskutiert. Deshalb - vielleicht zu Ihrer Beruhigung - zwei Informationen: zum einen ist es wichtig, dass Studierende möglichst früh sich darüber klar werden, ob ein Studium ihren Interessen entspricht oder nicht. Eine Katastrophe ist der Studienabbruch im Grunde erst, wenn er sehr spät in einem Studiengang erfolgt. Wir haben durch die Anlage unseres ersten Studienabschnittes dafür gesorgt, dass im Durchschnitt die StudienbeginnerInnen spätestens nach zwei Semestern ziemlich sicher einzuschätzen vermögen, ob sie uns weiterstudieren wollen oder nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Fachwechsel oder ein Ausscheiden aus dem Studium noch kein wirkliches Problem. Zum anderen: gerade aus unserem Fachgebiet wissen wir, dass der Studienabbruch kein Unglück sein muß. Er erfolgt im Gegenteil häufig, weil man schon während und neben des Studiums hervorragende Jobaussichten erkundet hat, die nun locken. Anders gesagt: es gibt auch glückliche StudienabbrecherInnen. Aber erfreulicher für Sie und uns ist gewiß, dass die Zahl der erfolgreichen AbsolventInnen in unserem Fach sich in den letzten Jahren vervielfacht hat und noch steigende Tendenzen aufweist. Und: die Statistiken des Arbeitsmarktservice sagen uns, dass unsere Leute nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Die Kommunikationsgesellschaft Österreich in Europa ist ein expandierender Arbeitsmarkt.
Meine Wortmeldung hat einen optimistischen Grundton. Deshalb zum Schluß noch ein paar andere Bemerkungen: Unser Institut ist personell und budgetär katastrophal schlecht ausgestattet. Am Jahresende haben wir nicht einmal mehr die Mittel, um unsere Geräte reparieren zu lassen oder Toner für unsere Laserdrucker zu kaufen. Damit man uns helfen kann, haben wir einen "Verein der Freunde des Instituts" gegründet. Wenn Sie solche Möglichkeiten - z.B. als förderndes Mitglied - interessieren, so lassen Sie mich das bitte wissen. Auch sonst stehen ich und die anderen Institutsmitglieder Ihnen gerne zur Verfügung, wenn Sie Fragen zu unserer Arbeit haben.
Mit freundlichen Grüßen aus Wien
o. Univ.Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher
(Institutsvorstand) (Ende)
| Aussender: | Universität Wien, Institut für Publizistik |
| Ansprechpartner: | Prof. Dr. W. R. Langenbucher, email: <A HREF=mailto:wolfgang.langenbucher@univie.ac.at>wolfgang.lang |
| Website: | www.univie.ac.at/Publizistik/ |
