pts19991112036 in Business
Telekom-Kosten und fehlende Datensicherheit behindern Internet-Entwicklung
pressetext-Interview mit IBM Österreich Generaldirektor Günter Pridt
Wien (pts036/12.11.1999/17:06)
Am Samstag findet Österreichs größtes Internet-Spektakel für Einsteiger auf dem Wiener Heldenplatz statt. Eines der weltweit führenden Informationstechnologie-Unternehmen, IBM, hat sich frühzeitig für die Partnerschaft mit der Initiative "Österreich ans Internet" entschieden, Generaldirektor Günter Pridt erläutert im pressetext.austria-Interview, warum IBM an vorderster Front für die elektronische Vernetzung der Wirtschaft und Verwaltung kämpft.pte: Was erwartet sich IBM von seinem Go On! Engagement?
Pridt: Die Zahl der Internetnutzer in Österreich wurde mit Anfang dieses Jahres auf eine Million geschätzt, die Anzahl der internetfähigen Geräte auf etwa 500.000, das derzeitige jährliche Wachstum liegt bei ca. 37 %. Wir erwarten uns aber von der "GoOn!"-Initiative der Bundesregierung, dass die Anzahl der Internet-Nutzer nicht nur quantitativ steigt, sondern dass sie auch qualitativ mehr übers Internet erfahren. Damit ist sowohl die Fähigkeit angesprochen, mit dem Internet umzugehen, als auch das Wissen über die Sicherheit und die Anzahl aller im Internet angebotenen Dienste.
Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage des Internet-Magazins "Mail" buchen immerhin schon 32 % der heimischen Internet-Anwender ihre Reisen und Hotels via Internet. 45 Prozent planen demnach, noch heuer mit der Kreditkarte im Internet zu shoppen. Andere Umfragen sind kritischer, laut dem Gallup-Institut kaufen nur 16 % der Österreicher tatsächlich online ein. Wir hoffen, dass die "GoOn!"-Initiative das Vertrauen der Bevölkerung in die Internet-Prozesse stärkt. Der Wandel zur Informations- und Wissensgesellschaft ist aber nicht nur eine Herausforderung für den Staat, sondern vor allem für die Wirtschaft. Keine gesellschaftliche Gruppe kann den damit verbundenen Paradigmenwechsel alleine bewältigen.
pte: Wie nutzt IBM das Internet ?
Pridt: Die rasante Entwicklung des globalen Netzwerks bringt die traditionellen IBM-Stärken zum Vorschein. Um Millionen von Usern Daten zur Verfügung zu stellen, braucht man sehr leistungsfähige, zentrale Rechner. IBM hat seine Rechner mit Internet-Protokollen ausgestattet und sie so in gigantische Web-Server für E-Commerce Anwendungen verwandelt. Systeme müssen für die Internet-Nutzung robust und ausfallssicher sein. Dieses Niveau an Verlässlichkeit war und ist eine Stärke von IBM. Dies ist auch der Grund, warum sich Hochsicherheitssysteme wie Flugreservierungs- und Verteidigungszentralen auf IBM verlassen.
Heute ist IBM ein führender Anbieter von Internet-Technologien und nutzt das Internet selbst bei einer ganzen Reihe von Prozessen. IBM hat in den letzten Jahren eine interne Transformation durchgemacht. Ein bedeutender Teil unserer Verkäufe, Services, Anschaffungen und Trainings wird heute über das Internet durchgeführt. IBM unterhält zahlreiche Extranets mit großen Kunden, Resellern, OEM (Original Equipment Manufacturer) Partnern und öffentlichen Webseiten. Unsere e-business Strategie ist für Kunden jeder Größenordnung maßgeschneidert und wird gemeinsam mit diesen Partnern entwickelt.
Unsere Verkäufe übers Internet haben im letzten Jahr den Umsatz von Amazon.com um das Fünffache übertroffen. Ein großer Teil dieser Transaktionen findet im Business-to-Business Bereich statt. Heuer wird unser Handel über das Netz noch einmal um etwa 60 Prozent zulegen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Help-Services und des technischen Supports wird außerdem über spezielle Web-Pages abgewickelt. Was die interne Schulungen von IBM-Mitarbeitern betrifft, ist es unser Ziel, etwa 30 Prozent davon online abzuhalten. Derzeit wird bereits ein Drittel der Schulungen unserer Marketing-Mitarbeiter über "distance learning" abgewickelt.
pte: Welche Erwartungen hat IBM für die nächsten Jahre?
Pridt: Wir schätzen, dass zu Jahresende weltweit 200 Millionen Menschen mit dem Internet vernetzt sein werden. Auch die konservativsten Experten prognostizieren bereits 500 Millionen Internet-Anschlüsse für das Jahr 2003. In den nächsten Jahren werden in den USA täglich 62.000 neue Internet-Anwender online gehen. Das ist zwar beeindruckend, ich glaube aber nicht, dass es hier nur um Zahlen geht. Ich denke, die wirkliche Revolution liegt in dem, was all diese miteinander verbundenen Menschen, Unternehmen und Institutionen über das Internet tun können, in der fundamentalen Veränderung der Mechanismen, wie Geschäfte oder Transaktionen in dieser Welt vor sich gehen.
Europas Anteil am "Global Web Commerce" - er lag letztes Jahr bei 11 Prozent - wird im Jahr 2003 geschätzte 33 Prozent ausmachen. Wir glauben, dass gerade in Europa das exponentielle Anwachsen der Nutzer noch bevorsteht. Bei e-business geht es nicht nur um Online-Verkäufe von Büchern oder Flugtickets. Wir befinden uns vielmehr inmitten einer grundlegenden Transformation individueller Geschäfte und Prozesse, die nicht nur die Privatwirtschaft, sondern auch den öffentlichen Sektor und uns alle betrifft. Ein Beispiel ist etwa die neue "Ediktsdatei" des österreichischen Justizministeriums, die online Auskunft über alle Gerichtsfälle gibt und vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Historisch betrachtet werden Märkte durch ihre Grenzen definiert, durch Zeitzonen, Geschäftszeiten, Sprachen und Rechtssysteme. Dies ist bei internetbasierenden Geschäftsmodellen nicht mehr der Fall. Das Internet schafft mit dem "e-Markt" den größten, dynamischsten und rund um die Uhr offenen Marktplatz für Ideen, Güter und Services, den die Welt je gesehen hat. Es stellt alle bisherigen Geschäftsmodelle in Frage.
pte: Was ist der größte Hemmschuh für diese Entwicklung?
Pridt: Zum einen die immer noch hohen Kosten der Telekommunikation; Internet Service Provider verstehen dieses Problem. Wir alle beobachten gerade eine starke Konsolidierung am Providermarkt. Dort suchen Anbieter nach besseren und vor allem billigeren Services. Heute steht jeder Telekommunikations-, Kabel- und Service-Provider vor der Frage, ob er für mehr Anschlüsse, mehr Geschäfte oder mehr Verbindungsleitungen kämpfen soll. Dabei zeichnet sich ein Trend zu einem freien, kostenlosen Zugang zum Internet ab. Das zweite Problem ist die Sicherheit im Netz. IBM ist schon immer an der Entwicklung sicherer, einheitlicher Standards wie etwa SET (Secure Electronic Transfer Protocol) zur Verschlüsselung von Daten maßgeblich beteiligt gewesen.
Ein anderes wesentliches Hindernis liegt in der Limitierung der Benutzeranzahl durch den Zugang zum Netz über den PC. Wir wissen heute noch nicht, welchen erneuten Boom das Internet erfahren wird, wenn der Zugriff auf das Netz wirklich mobil wird. Bürger in Singapur handeln und beobachten jetzt schon dank eines Angebotes der Unternehmen "SingTel Mobile" und "Fraser Securities" Aktien über ihr Handy. Sie tragen tatsächlich ihren Broker in der Handtasche und zahlen nur fünf Cents für jeden Kauf oder Verkauf oder für jede Nachricht über den Kursverlauf ihrer Lieblingsaktie.
Diese erweiterten Dienste benötigen jedoch eine enorme Rechnerkapazität, leistungsfähige Datenbank-Management Systeme, mehr Potential, Transaktionen durchzuführen und ein Portfolio von Anwendungen. Das ist die Welt, in der wir im Moment leben und für die wir von IBM die richtigen Lösungen anbieten. Daher heißt für uns der nächste wichtige Schritt "Pocket-Internet", also der einfache, jederzeit mögliche Zugang über Handhelds: Handy, PDA (Personal Digital Assistant), Pager und Telefone - wie zum Beispiel Screenphones.
pte: Wie sieht die Ausbildung der IBM-Mitarbeiter aus?
Pridt: IBM-Mitarbeiter sind naturgemäß mit modernster Technologie konfrontiert und vertraut. Wir führen laufend Software-Schulungen durch. Die interne Ausbildung ist wesentlicher Bestandteil unserer Firmenkultur. Dabei profitieren unsere Mitarbeiter vom Know-How des IBM Bildungszentrums, aber auch vom Knowledge Management durch vernetzte Systeme. Die Internet-Kurse unseres Schulungszentrums werden besonders gut besucht. Das Internet ist bei IBM vor allem selbst Trainingsmodul. In vermehrtem Maße werden heute bei IBM Methoden des Distance Learning über das Netz eingesetzt, die jedem Mitarbeiter das weltweite Wissen - etwa über Internet-Software, e-business, E-Commerce, Anwendungsentwicklung, Endbenutzer-Software und andere sehr technische Bereiche - täglich auf seinen Bildschirm bringen.
Als Beispiel sei hier der "IBM Global Campus" genannt, ein virtuelles Schulungszentrum, das seit einem Vierteljahr bei IBM weltweit eingeführt ist. Dieses virtuelle Bildungszentrum steht allen Mitarbeitern von IBM zur Verfügung. Seit dem Start von "Global Campus" im April dieses Jahres nutzen mehr als 70.000 Beschäftigte weltweit das Angebot, über das Netz zu lernen. Über eine Seite im Intranet kann sich der Mitarbeiter aus über 1.400 Kursen nach seinem Bedarf Schulungen auswählen, die von jedem netzwerkfähigen Computer in- und außerhalb der Firma zugänglich sind. So können unsere Mitarbeiter völlig unabhängig von Ort und Zeit ihr individuelles Trainingsprogramm zusammenstellen und absolvieren.
pte: In welche Richtung geht dabei Österreich?
Pridt: Österreich wird sich als EU-Mitglied den veränderten Wettbewerbsbedingungen am Weltmarkt stellen müssen. Obwohl die Nutzung modernster Technologien in Österreich im Vergleich zu anderen westeuropäischen oder amerikanischen Ländern noch etwas nachhinkt, haben die heimischen Unternehmen durchaus schon erkannt, wie wichtig dieser Einsatz für die Wirtschaft ist. Ich bin sicher, dass es damit mittel- und langfristig zu einer noch stärkeren Nutzung elektronischer Dienstleistungen kommen wird.
Stark im Wachsen ist, wie gesagt, der mobile Internet-Zugang über Handhelds wie Handys, PDAs und Pager. Daneben erwarte ich, dass es zusätzlich zur "traditionellen" Verwendung modernster Informationstechnologie auch zu einem starken Wachstum verschiedener intelligenter Alltagsgeräte kommen wird. Laufend kommen günstigere und noch einfacher zu benutzende Internet-Anschlussgeräte auf den Markt, die das Internet für alle zugänglich machen - auch für jene, die sich niemals einen voll ausgerüsteten PC leisten wollen. Wir von IBM nennen das "Pervasive Computing" - die Integration der Computertechnologie in Gebrauchsgegenstände.
Wir sind heute bereits auf dem Weg in die e-society, die unsere Zukunft nicht nur in geschäftlicher, sondern auch in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht prägen wird. Deswegen begrüße ich als Vertreter der Informationstechnologie die "GoOn!"- Initiative der Bundesregierung, die allen Bürgern einen von Ort und Zeit unabhängigen Zugriff auf Daten und Dienstleistungen durch das Internet ermöglichen wird. http://www.ibm.at (Ende)
| Aussender: | Oesterreich ans Internet |
| Ansprechpartner: | Dr. Wolfgang Wendy |
| Tel.: | 01/402 48 51 |
| E-Mail: | redaktion@pressetext.at |
| Website: | www.austria.gv.at/go_on/ |
