pte19970927003 in Business
Renaissance des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid
Zahlreiche neue Fälle von Verstümmelungen in Brasilien
Frankfurt/Main (pte) (pte003/27.09.1997/18:18)
Der Wirkstoff des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan, in den 50er und 60er Jahren verantwortlich für schwere Mißbildungen bei Neugeborenen, erlebt vier Jahrzehnte nach seiner Erstanwendung eine unerwartete Renaissance als Mittel zur Behandlung von Krebs-, Aids- und Leprafolgen. In Brasilien wurden seit 1990 rund 500 neue "Contergan-Kinder" mit stark verkürzten Gliedmaßen geboren. Viele werdende Mütter können nicht lesen und verstehen daher nicht die Warnungen auf dem Beipackzettel.In 50 Ländern wird der Contergan-Wirkstoff Thalidomid seit Jahren als einzig wirksames Mittel gegen bestimmte Lepraerkrankungen eingesetzt. Sogar in Deutschland wird Thalidomid wieder von Ärzten verschrieben - etwa gegen schmerzhafte Mundgeschwüre bei Aids-Kranken darf der Wirkstoff im sogenannten Medizinischen Therapieversuch verordnet werden. In Brasilien wird er zur Lepra-Behandlung verwendet, in den USA haben die Mediziner damit gute Erfahrung im Kampf gegen das gefürchtete Wasting-Syndrom bei Aids- und Krebskranken gemacht und den oft tödlichen Gewichtsverlust aufgehalten.
In den Vereinigten Staaten plant die Arzneimittelbehörde, nun Thalidomid zuzulassen. Sie will Frauen dann aber dazu verpflichten, während der Einnahmezeit zwei Verhütungsmethoden zu kombinieren. Der amerikanische Pharmakonzern Celgene, der das Präparat unter dem Namen Synovir vertreibt, will Fotos von mißgebildeten Kindern auf die Packung drucken.
Kritiker der Medikamenten-Renaissance halten die anstehende allgemeine Zulassung in den USA schon wegen der bisher bekannten Nebenwirkungen für riskant. Ein anhaltendes Taubheitsgefühl in Armen und Beinen und andere Nervenschäden sprechen nach ihrer Ansicht dafür, Thalidomid nur als allerletzte Möglichkeit zu verschreiben.
Am 1. Oktober 1957 war Contergan in den Handel gekommen. Erst gut vier Jahre später wurde es weltweit wieder vom Markt genommen, weil ungefähr 5.000 Kinder mit verstümmelten Gliedmaßen zur Welt gekommen waren, deren Mütter während der Schwangerschaft das Mittel gegen Schlaflosigkeit und Übelkeit eingenommen hatten. Der deutsche Contergan-Hersteller Grünenthal einigte sich im Dezember 1970 nach zweieinhalb Jahren Prozeß mit den Betroffenen auf 100 Millionen Mark Entschädigung. Heute bekommt die Chemiefirma rund 200 Thalidomid-Bestellungen im Jahr. (Ende)
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