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Therapeutin Hadinger: Innehalten in Krise ist Chance

Mit Sinn-Bild vor Augen lässt sich Zukunft erfolgreich gestalten


Tübingen/Wien (pte001/24.03.2020/06:00) - Wenn nichts mehr geht, bedarf es radikaler Veränderung. Dies gilt heute mehr denn je. Doch allein negative Erfahrungen als Ansporn reichen nicht aus. "Für einen Neustart braucht man auch ein Sinn-Bild, also die Vorstellung einer Möglichkeit, wie es in Zukunft besser sein könnte als heute", sagt Psychotherapeutin und Viktor-Frankl-Preisträgerin Boglarka Hadinger gegenüber pressetext. Wie Veränderung geht, ist Thema ihres Zwiegesprächs "Aufbruch - von wo, wohin und wozu?" mit dem Journalisten Claus Reitan bei den Europäischen Toleranzgesprächen in Fresach http://fresach.org , die dem passenden Motto "Exodus - Auszug aus dem Vertrauten" gewidmet sind.

Aufbruch nur mit Sinn

Wenn die Ist-Situation geprägt ist von Schmerz und Leid, muss man aufbrechen - eine Binsenweisheit, die so einfach nicht funktioniert. "Nur eine negative Motivation genügt nicht. Das führt eher zu Resignation", betont Hadinger. Wichtig sei es, ein sinnhaftes Ziel vor Augen zu haben. "Die meisten Menschen - und das ist das Problem heute - haben so eine einladende Zukunftsvorstellung für unsere Welt nicht mehr. Da liegt unsere Generationsaufgabe heute."

Veränderungsprozesse seien nachhaltig, wenn etwas nicht mehr Sinnvolles durch Sinnvolleres ersetzt wird. Laut Hadinger sollte man vor den Zukunftsschritten innehalten und eine Standortbestimmung durchführen, um zu sehen, was bisher erreicht wurde - das gebe Kraft und Zuversicht. "Wenn man alles Bisherige entwertet, wird man keine Kraft zum Aufbrechen haben", warnt sie. Zudem mahnt die Expertin, bei allen Kurs- und Verhaltenskorrekturen die Identität zu bewahren. "Ein Auszug aus der Misere gelingt nur, wenn man sich innerlich nicht austauschen muss. Leider wird das heute von vielen gefordert, und das mündet in Protest und Starre. Veränderung ist auch so möglich, dass man das eigene Wesen nicht verraten muss."

Gesellschaft in der Krise

Kurskorrekturen sind nicht nur für einzelne Menschen wichtig. "Auch als Gesellschaft stehen wir immer wieder in einer Entwicklungskrise und das ist normal", meint Hadinger und verweist dabei auf die gegenwärtige gesellschaftliche und technologische Situation. "Im Grundwesen sind wir aber nicht viel anders als unsere Vorfahren vor hunderttausenden Jahren. Uns machen ähnliche Dinge glücklich und ähnliche unglücklich wie damals", erklärt sie. Somit reagiere der Organismus zum Beispiel auf das rasante Lebenstempo verstehbar: "Eine Zeit lang halten wir das durch. Aber dann kommt es zu Sucht, Aggression, Depression und Erschöpfung - und das ist eine sehr gesunde Reaktion", meint Hadinger.

Ausbruchsversuche aus dem einseitig leistungs- und profitorientierten Alltag seien völlig verständlich. Somit sind die Krisen von heute - auch die Coronavirus-Krise - Wendepunkte für den Neubeginn. "Die Aufgabe der heutigen Generation liegt nicht in 'noch mehr', sondern im Streben danach, dass jeder Mensch dort, wo sein zu Hause ist, gut leben kann", ist Hadinger überzeugt. Wenn dieses Ziel erreicht sei, werde sich Sinn und Lebensqualität für alle einstellen. Vorher nicht. "Dafür kann jeder etwas tun. Die heutige Zeit braucht wieder Pioniere", so die Psychotherapeutin. Gerade junge Menschen, die noch nicht wohlstandsträge seien, könnten eine entscheidende Rolle spielen, um die Welt zu einem besserren Ort für alle zu machen.

Anmerkung: Boglarka Hadinger wird bei den Europäischen Toleranzgesprächen am 28. Mai im Kärntner Bergdorf Fresach mit dem Publizisten Claus Reitan über Perspektiven eines Neustarts im persönlichen Umfeld sprechen und an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kirchen im Off: Neue Konzepte für den Glauben" teilnehmen. Die Logotherapeutin ist als Dozentin an zahlreichen Universitäten und Hochschulen in Deutschland und Österreich tätig. Sie leitet das Institut für Logotherapie und Existenzanalyse http://logotherapie.net in Tübingen und Wien.

In der laufenden Interview-Serie zu den #ETG20 erschienen bei pressetext:

Ex-Manager: Raubtierkapitalismus hat ausgedient
http://pte.com/news/20200303024

Toleranzgespräche: Klimakrise als Chance nützen
http://pte.com/news/20200214015

Weizsäcker eröffnet Toleranzgespräche 2020
http://pte.com/news/20200131002

(Ende)
Aussender: pressetext.redaktion
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