Lüge und Wahrheit verschmelzen im Cyberspace
Von Dick Cheneys Pavian zu Osama Bin Ladens UPS-Lieferungen
London/Wien (pte019/30.09.2011/12:00) Je vernetzter der Cyberspace wird, desto schwieriger ist es, Wahrheit und Lüge auseinander zu halten. Grund ist, wie Umberto Eco es einmal formulierte, die Sehnsucht nach dem Hyperrealen - der technischen Nachbildung der Realität, die eine weniger spannende Realität einfach aussticht. Hier einige Beispiele und Methoden, welche Tricks heute angewandt werden, um die Welt hinters Licht zu führen.
Politische Stimmungsmache
"Derzeit wird auf Facebook über ein kontroversielles Posting diskutiert, nach dem einem österreichischen Facharbeiter mit drei Kindern weniger Geld zur Verfügung steht, als einem Asylwerber mit sechs Kindern", bringt Microblogging-Experte Günter Exel http://guenterexel.at im Gespräch mit pressetext einen politischen Aspekt ein. "Hier tut sich ebenfalls die Frage auf, was wahr und was gelogen ist. Als demokratische Diskussionsplattform tendiert Facebook aber zu einem offenen, vorurteilsfreien Dialog, der extrem rechte Ansichten schnell entlarvt und in dem sich solch bewusste Unwahrheiten durch anderslautende Postings schnell korrigieren lassen."
Gefakte und entführte Twitter-Feeds
"Habe gerade einen Pavian bei eBay erstanden. Werde den kleinen Typen aber sowieso nur als Ersatzteillager verwenden. Man weiß nie, wenn die alte Pumpe einmal nicht mehr mag", schreibt ein "Dick Cheney" auf Twitter. Ein als "Osama Bin Laden" registrierter User meint: "Auf dem Lieferschein von UPS steht, dass sie kein gefährliches Material liefern. Bin im UPS-Store." Wenn eine prominente Person nicht auf Twitter ist - wie zum Beispiel Osama Bin Laden - wird es schwierig, andere davon abzuhalten, den Account anzulegen und auch zu nutzen.
Manchmal wird der Account auch "entführt" - also gehackt, wie etwa der von Jürgen Habermas: "Es stimmt, dass das Internet die Grass-Roots einer egalitären Gesellschaft durch eine Öffentlichkeit von Schreibern und Lesern reaktiviert." Das ist sogar ein echtes Zitat des berühmten Sozialwissenschafters aus einem seiner Publikationen. Trotzdem reagierte Habermas verstört, "weil die Identität des Aussenders eine Fälschung war".
Sock puppetry
Neben den eher harmlosen und satirischen Beiträgen lädt das Web auch zu absichtlichen Verstößen und grober Unehrlichkeit ein: So bewertete der Historiker Orlando Figes Werke auf eBay von Konkurrenten unter falschem Namen schlecht, während er das eigene Werk über den grünen Klee lobte. Der Journalist Johann Hari teilte auch unter falschem Namen aus, als er mit Plagiats-Vorwürfen konfrontiert wurde (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/20110915001 ).
Diese werden unter dem Begriff "Sock Puppetry" - etwa "Verwenden einer Marionette" - zusammengefasst. Der eigene Wunsch, besser, hyperrealer wahrgenommen zu werden, als man in Wahrheit ist, wird im Web ganz einfach ermöglicht. Philosoph Slavoj Zizek sieht dabei aber auch Nachteile: "Das Spiel mit multiplen, wechselnden Identitäten, frei konstruierten Identitäten tendiert dazu, die sozialen Räume unserer Existenz zu vernebeln und nur eine falsche Freiheit zu bieten."
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