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pts20201006027 Medizin/Wellness, Forschung/Entwicklung

Morbus Parkinson - neue Therapiekonzepte für mehr Lebensqualität

Nachbericht der heutigen Pressekonferenz


Wien (pts027/06.10.2020/12:20) - Derzeit leben in Österreich 20.000 bis 30.000 Menschen mit der Diagnose Morbus Parkinson - Tendenz steigend. Zur Behandlung steht eine breite Palette an Substanzen zur Verfügung - damit lässt sich oft über viele Jahre eine gute Lebensqualität erzielen. Eine wertvolle Ergänzung zu Medikamenten zum Schlucken stellt ein Injektor Pen dar, mit dem sich Betroffene bei Bedarf selbst eine Dosis der rasch wirksamen Substanz Apomorphin unter die Haut spritzen können, um innerhalb von wenigen Minuten wieder ins "On" zu kommen. Daneben gibt es auch Hautpflaster, Infusionspumpen sowie neurochirurgische Optionen. Vielfach werden die modernen Therapiekonzepte noch nicht angewendet, daher ist es wichtig, dass PatientInnen gut über ihre Krankheit Bescheid wissen. Detaillierte Informationen bietet hier die Internet-Plattform: http://www.parkinson-portal.at

Die Parkinson-Krankheit ist die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer-Demenz. Sie ist durch den fortschreitenden Verlust von Dopamin-produzierenden und anderen Nervenzellen im Gehirn und anderen Teilen des Nervensystems gekennzeichnet.

Symptome und Verlauf

"Die Krankheit beginnt meist schleichend, mit unspezifischen Beschwerden", berichtet Priv.-Doz. Dr. Sylvia Boesch, Präsidentin der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft (ÖPG), Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck. Als nicht-motorische Frühsymptome können Depressionen, Schlafstörungen, Verstopfung, Störungen des Geruchssinns, Schmerzen und Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich auftreten. Zu motorischen Frühsymptomen gehören eine leisere, monotone Stimme, reduzierte Mimik, das fehlende Mitschwingen eines Armes beim Gehen oder Zittern (Ruhetremor). Später sind ein vornüber gebeugter Gang und Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifigkeit, kleine langsame Schritte Teil des Beschwerdespektrums.

Generell lassen sich drei Krankheitsphasen unterscheiden: Nach Diagnosestellung und Therapiebeginn erleben viele Patienten die meist mehrere Jahre dauernde "Honeymoon" Phase (Phase I) - eine Zeit mit stabiler und verlässlicher Wirkung der Medikamente. In Phase II kommt es zunehmend zu vorhersehbaren Schwankungen der Medikamentenwirkung (Wirkungsfluktuationen). In Phase III häufen sich auch unvorhersehbare Wirkungsschwankungen.

Klinische Diagnose und weiterführende Untersuchungen

"Die Diagnose wird vom Facharzt für Neurologie anhand der neurologischen Symptome gestellt", erläutert Prim. Univ.-Prof. Dr. Pirker, Vizepräsident der ÖPG, Abt. für Neurologie in der Wiener Klinik Ottakring (vormals Wilhelminenspital). Zusätzlich sollte jeder Patient eine strukturelle Bildgebung des Kopfes (MRT oder CT) erhalten, um mögliche andere Ursachen für parkinsonähnliche Beschwerden wie kleine Schlaganfälle, Hirntumoren, Entzündungen oder Folgen von Hirnverletzungen auszuschließen. Bei unklarem Befund kann ergänzend eine nuklearmedizinische Untersuchung, das sogenannte Dopamin-Transporter-Imaging, hilfreich sein. Zusätzliche Untersuchungen sind Riechtests und die Ultraschalluntersuchung des Mittelhirns. Daneben wurden einige Tools für die Frühdiagnose von Morbus Parkinson entwickelt.

Bewährte und neue Therapiekonzepte

Morbus Parkinson kann medikamentös gut behandelt werden. Durch einen Ersatz des abnehmenden Neurotransmitters Dopamin kann in vielen Fällen eine erhebliche Verbesserung der Beschwerden erzielt werden. Aufgrund des Fortschreitens der Erkrankung kommen im Verlauf unterschiedliche Strategien zum Einsatz. Im Zentrum steht nach wie vor die medikamentöse Behandlung. "Diese hat sich jeweils an der individuellen Symptomatik und Krankheitsphase zu orientieren", erklärt Prim. Doz. Dr. Katzenschlager, neurologische Abt. Donauspital/SMZ Ost.

Verfügbare Substanzen

L-Dopa wird im Gehirn zu Dopamin umgewandelt und gilt als das bestwirksame Medikament bei motorischen Symptomen, hat jedoch eine kurze Halbwertszeit.

Dopaminagonisten wirken an den Dopaminrezeptoren und täuschen dem System quasi vor, dass genug Dopamin vorhanden ist. Zu dieser Substanzklasse gehört auch Apomorphin (das zwar unter die Haut verabreicht werden muss und nicht geschluckt werden kann, aber als einzige Substanz gleich effektiv wirkt wie L-Dopa).

MAO- und COMT-Hemmer blockieren den Abbau von Dopamin bzw. L-Dopa. Dadurch steht Dopamin länger zur Verfügung und es kommt zu geringeren Konzentrationsschwankungen in Blut und Gehirn.

Auch der NMDA-Antagonist Amantadin hat nach wie vor einen Stellenwert.

Medikamente zum Schlucken: Am Anfang werden orale Medikamente zum Schlucken eingesetzt. Da die Beeinträchtigungen im Laufe der Erkrankung zunehmen, werden in jedem Fall Dosiserhöhungen notwendig, bei Auftreten von Wirkschwankungen oft auch komplexere Kombinationen. Dann müssen zudem die Abstände zwischen den einzelnen Einnahmen verkürzt werden.

Gerätebasierte Therapien: Wenn Wirkschwankungen auf alle verfügbaren oralen Medikamente nicht mehr ausreichend ansprechen, sollte überlegt werden, inwieweit Betroffene von einer gerätebasierten Therapie profitieren würde. Dafür stehen zwei Infusionstherapien mittels Pumpe zur Auswahl, welche den Wirkstoff (L-Dopa oder Apomorphin) gleichmäßig zuführen. Auch ein Hautpflaster mit Wirkstoff kann zum Einsatz kommen. Für manche Betroffene kommt die tiefe Hirnstimulation als neurochirurgischer Eingriff infrage.

Injektor Pen: Eine hocheffektive und einfach anwendbare Therapieform bietet ein praktischer Fertig-Pen, mit dessen Hilfe Apomorphin als Einzeldosis ins subkutane Fettgewebe verabreicht wird. Damit können sich Betroffene bei Bedarf eine vorab individuell voreingestellte Dosis selbst injizieren. Von speziell ausgebildeten diplomierten Gesundheits- und KrankenpflegerInnen (Applikationsspezialisten) wird ein Patientenservice angeboten, um die Anwendung des Pens so einfach wie möglich zu machen.

Der Apomorphin-Pen zeichnet sich durch eine hohe und rasch eintretende Wirksamkeit aus. Laut einer placebokontrollierten Studie können 95 Prozent der "Off"-Perioden (schlechter motorischer Zustand aufgrund fehlender Medikamentenwirkung) mit dem Apomorphin-Pen zuverlässig beendet werden.

Wichtiger Vorteil: Apomorphin ist gleich effektiv wie L-Dopa, aber bei subkutaner Gabe die am schnellsten wirksame Substanz unter allen Parkinson-Medikamenten. Durchschnittlich können PatientInnen mit Wirkschwankungen bereits sieben bis acht Minuten nach der Selbstinjektion vom "Off" ins "On" kommen, d.h. die Symptome werden beseitigt und sie erlangen volle Beweglichkeit (Trenkwalder et al., Parkinsonism and Related Disorders 2015 Sep;21(9):1023-1030). "Der Pen stellt eine wertvolle Ergänzung zur oralen Medikation bei vielen Arten von "Off"-Zuständen dar, unter anderem auch bei der oft sehr belastenden frühmorgendlichen Unbeweglichkeit", resümiert Prim. Katzenschlager.

Ansätze zur Krankheitsmodifikation

Trotz guter Wirksamkeit ist bislang keine der verfügbaren Therapien in der Lage, die Progression der Erkrankung zu stoppen oder signifikant zu verlangsamen. Letzteres bleibt daher das vorrangigste Ziel der Parkinson-Therapieforschung.

"In den letzten Jahren ist es zu wichtigen Fortschritten auf dem Weg zur Möglichkeit progressionsmindernder Interventionen gekommen", so em. o. Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe, Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck. Insbesondere die Erforschung der genetischen Architektur der Parkinson-Krankheit hat wesentliche Einblicke in die molekulare Pathogenese ermöglicht und neue Angriffspunkte für krankheitsmodifizierende pharmakologische Interventionen geliefert.

Im Zentrum steht dabei die gestörte zelluläre Proteostase des Proteins -Synuclein mit dem Konzept der "Prion-artigen" Zell-zu-Zell-Propagation, die zurzeit mit mehreren Ansätzen die präklinische und klinische Entwicklung sogenannter neuroprotektiver Parkinson-Therapien bestimmt. Hierzu zählen Interventionen zur verbesserten Clearance pathologischer Spezies von -Synuclein durch das endolysosomale System, die Reduktion der Produktion durch antisense-Oligonukleotide (ASO) oder die Hemmung der intrazellulären Aggregation von -Synuclein mit sogenannten kleinen Molekülen (small molecules). Am weitesten in die klinische Erprobung vorgedrungen sind anti--Synuclein-Immunotherapien. Ergebnisse dieser Studien werden für die kommenden Jahre erwartet.

Ausblick auf die ÖGP-Jahrestagung 2020

Die am 23. Oktober 2020 stattfindende Jahrestagung der Österreichischen Parkinsongesellschaft wird heuer - bedingt durch die COVID-19-Pandemie - zum ersten Mal virtuell abgehalten. Themenschwerpunkte sind aktuelle Erkenntnisse zur prämotorischen und motorischen Phase der Parkinson-Krankheit, über atypische Parkinson-Syndrome sowie mögliche neue Therapieoptionen.

(Ende)
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