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pts20260803011 in Forschung

Ist das Ende der Wüstenlöwen gekommen?

Nur noch fünf bis zehn Wüstenlöwen in Namibia


Die letzten Wüstenlöwen kämpfen in Namibia ums Überleben (Foto: Matto Barfuss)
Die letzten Wüstenlöwen kämpfen in Namibia ums Überleben (Foto: Matto Barfuss)

Rheinau (pts011/03.08.2026/11:00)

Um die Wüstenlöwen ist es still geworden. Sie leben in den ariden Wüstengebieten im Nordwesten Namibias und ziehen bis an die berühmte Skelettküste, also den Atlantik. An der kargen wilden Küste jagen sie zuweilen Robben in einer dort ansässigen Kolonie.

Matto Barfuss filmt die Wüstenlöwen seit 2018. Schon zu Beginn der ersten Film-Exkursionen war er wenig optimistisch, denn es gab schon damals nur ein sehr fragiles Rudel sowie einzelne Löwen weit verbreitet in einem unvorstellbar weitläufigem Gebiet.

Aktuell gibt es noch fünf bis maximal zehn wirkliche Wüstenlöwen. Da diese Löwen sich noch dazu verwandtschaftlich sehr nahe stehen und auch kein intaktes Rudel mehr vorhanden ist, muss man davon ausgehen, dass die Wüstenlöwen in sehr naher Zeit Geschichte werden.

Sehr still ist es nun auch um das Wüstenlöwen-Schutzprojekt des Wissenschaftlers Dr. Philip Stander geworden. Auf der Homepage der Organisation enden die Sichtungsreports Ende 2024. Dr. Philip Stander stattete nahezu alle noch vorhandenen Wüstenlöwen mit GPS-fähigen Halsbändern aus. Ziel war es, nicht nur die Wanderungen der Löwen aufzuzeichnen, sondern eine Art Frühwarnsystem aufzubauen, sollten die Löwen sich zu nahe an menschliche Siedlungen annähern.

Hauptproblem sind nämlich die Konflikte mit Farmern. Es ist ein rein natürlicher Mechanismus, dass Löwen an Vieh herangehen. Aus ihrer Sicht sind das gehandicapte Tiere, die primär gejagt bzw. ausgesondert werden müssen. Das ist ein angeborenes Verhaltensmuster.

Wüstenlöwen sind hochspezialisiert. Sie bleiben lange mit der Mutter, denn nur ein perfekt ausgebildeter Löwe hat eine Chance, in einem so kargen Lebensraum zu überleben. Die Löwen leben von Tieren, die weitestgehend ohne Wasser auskommen. Giraffen, Oryxe und Springböcke sind die wichtigsten Beutetiere. Letztlich muss aber alles versucht werden. Deshalb jagen sie auch an der Atlantikküste in einer Robbenkolonie.

Wichtig für die Löwen ist aber genauso ein intaktes Rudel, das in Notsituationen einem Individuum auch ein sozialen Netz bietet. Kranke oder sehr alte Löwen werden vom Rudel mit versorgt. Dieser Rückhalt ist eigentlich im Laufe der Jahre 2023 und 2024 verloren gegangen. Bis Ende 2022 filmte Matto Barfuss noch ein kleines Rudel, in dem Ende 2020 vier neuen Babys geboren wurden. Von diesen überlebten zwei. Eine Löwin aus dem Rudel, nämlich die Schwester der Mutter, zog schließlich mit dem verbliebenen Nachwuchs Richtung Atlantikküste. Ihre sichtlich alternde Schwester blieb in einem Wüstental zurück.

2024 im Juni erlegte diese Löwin allein eine fast ausgewachsenen Giraffe. "Ich dachte mir, oh, Mädchen deine Zähne sind nicht mehr gut", erzählt Matto Barfuss. "Mir war klar, dass sie ohne Rudel nicht mehr lange überleben würde, denn sie baute in jeglicher Hinsicht stark ab."

2025 erlangte diese Löwin dann eine traurige Berühmtheit. Anfang Juni tötete sie einen namibischen Unternehmer, der ironischerweise das Wüstenlöwen-Projekt über viele Jahre sehr aktiv sponserte. Was war passiert? Die Löwin war am Verhungern. In dieser Situation lauerte sie ihrem Opfer auf, als der frühmorgens gegen vier Uhr vom Dachzelt seines Geländewagens herunterkletterte. Sie brach ihm das Genick. Er war auf der Stelle tot. Nachdem die Löwin am darauffolgenden Tag in einem nahegelegenen Zeltcamp eindrang, wurde sie schließlich Stunden später geschossen.

Aktuell passieren sehr paradoxe Dinge in Namibia. Dort braucht man die Wüstenlöwen als Marketing für Tourismus. Wohl aus diesem Grund werden nun auch Löwen vom Etoshapark als Wüstenlöwen bezeichnet, was per Definition falsch ist. Alle diese Löwen leben in maximal semi-ariden Gebieten und könnten in der Wüste an der Skelettküste nicht überleben.

Der Etoshapark-Nationalpark ist knapp 23.000 Quadratkilometer groß. Als in den siebziger Jahren im Norden Namibias Siedlungen für die einheimische Bevölkerung errichtet wurden, hat man den Park mit einem circa 850 Kilometer langen Zaun eingezäunt, und zwar sogar "elefantensicher". Nun ist der Zaun nahezu nicht mehr existent. Die Löwen und auch Elefanten wandern folgerichtig auch ins Umland.

Da die Farmer mit dieser neuen Situation nicht umgehen können und keine geeigneten Maßnahmen kennen, sich effektiv vor Schaden zu schützen, kursieren nun seit einiger Zeit die Meldungen und Behauptungen, dass im Nordwesten Namibias viel zu viele "Wüstenlöwen" leben. Farmer appellierten in einem Treffen mit dem Umweltminister vor wenigen Tagen, Löwenbestände zu reduzieren. Dabei wird nun offiziell falsch (!)) kommuniziert, dass es sich dabei um Wüstenlöwen handelt.

Die Jagdverbände machen sich diese Propaganda ebenso zu eigen und fordern mehr Abschüsse für Trophäenjagd. Angesichts der Tatsache, dass die Löwenbestände in Afrika seit den 1960er Jahren um mehr als 95 Prozent zurück gegangen sind, ist das natürlich eine fatale und zumindest einseitig opportunistische Kampagne gegen Löwen. Für die Wüstenlöwen ist das auf jeden Fall der berühmt- berüchtigte Sargnagel.

Namibia muss sich nun entscheiden, ob es nachhaltigen Tourismus in den Fokus setzt. Touristen erwarten nicht nur tolle Landschaften, sondern Löwen gehören als Symboltiere für den Kontinent mit dazu. Die Wüstenlöwen sind nicht mehr zu retten. Aber deren nahe verwandte in der semi-ariden Nachbarschaft könnten dem Nordwesten des Landes eine langfristige Perspektive geben. Sie sind auf jeden Fall ein höherer wirtschaftlicher Faktor als die dort ansässigen Farmbetriebe. Es besteht aber dringender Handlungsbedarf, das mit tragfähigen Konzepten zu unterlegen.

Die Matto Barfuss Stiftung arbeitet mit dem Projekt "Bildung für Artenschutz" daran, Mensch-Tierkonflikte auf dem Bildungsweg einzudämmen und Konzepte zu unterstützen, Wildlife nachhaltig als wirtschaftlichen Wert zu etablieren.

Weitere Infos: www.matto-barfuss.com

(Ende)
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