Auschwitz als Ausflugsziel: Wenn Kritik am schlechten Smoothie wichtiger wird als 1,1 Millionen Ermordete
Ösi dokumentiert mit seiner Kamera die verstörende Normalität rund um den Ort des Grauens
Oświęcim/Wien (pts014/25.09.2026/10:35)
Auch die BILD berichtete über eine britische KZ-Auschwitz-Besucherin, die sich in einem millionenfach angesehenen TikTok-Video über einen verwässerten Erdbeer-Smoothie in der Cafeteria der Gedenkstätte beschwerte. Für den österreichischen Fotografen und Ethik-Autoren Alois Gmeiner ist dies keine Überraschung, sondern vor Ort mittlerweile tägliche Routine: "Bei meiner Recherche habe ich mich gefragt: Ab wann wurden KZs wie Auschwitz pure Touristenattraktion?" Er veröffentlicht nächstes Jahr ein Fotobuch zu diesem verstörenden Umstand. www.ethikproaustria.at
Auschwitz zwischen Gedenken, Geschenken, Selfie und Smoothie
"Auch ich habe nach meiner Foto-Expedition einige Videos hochgeladen, die viel Empörung im Internet erzeugt haben – aber ich war erstaunt, das sich das Internet auch über die falsche Frage aufgeregt hat. Nämlich, wie es denn sein kann, dass jemand wie ich überhaupt Fotos machen darf und Menschen ja schließlich das Recht haben dürfen zu trinken und zu essen. Wo ist das Problem?"
"Noch schlimmer: Auf TripAdvisor erdreisten sich sogar viele, eine Bewertung über das KZ-Buffet abzugeben. Mehr gehirnbefreit kann man kaum sein. Egal, ob positive oder negative Bewertung: Da kann ich nur sagen Halt einfach die Klappe."
Genau diesem Widerspruch zwischen Schrecken und Tourismus-Alltag widmet sich Gmeiners entstehendes Buch- und Fotoprojekt über "Touristen in Auschwitz".
Denn die Britin ist kein exotischer Einzelfall. Sie macht lediglich besonders sichtbar, was an einem der schrecklichsten Orte Europas längst zum Alltag gehört: Auschwitz ist heute gleichzeitig Gedenkstätte und touristisches Reiseziel, in das man halt mal eben mit Shorts, Badelatschen und Super-Minirock geht. Steht ja auf unserem Besuchsprogramm von Polen.
Lustige Männergruppe macht Akrobatik auf den Gleisen ins Vernichtungslager
"Ich war selbst dort und habe bewusst nicht nur Baracken, Stacheldraht, Gaskammern und die bekannten historischen Motive fotografiert", so Gmeiner. "Mich interessierte vor allem das Agieren der Personen unmittelbar daneben und dazwischen: Besucherströme und Wartezonen, Cafés und Essen, Smartphones und Reisegruppen, Busse, Souvenirs – übrigens gibt es sehr schöne KZ-Kühlschrankmagnete zu kaufen – und jene kleinen Alltagssituationen, die an nahezu jedem anderen touristischen Ort vollkommen banal wären. Aber an einem Ort wie einem Vernichtungslager natürlich mehr als unangenehm sehr sauer aufstoßen."
Auschwitz ist noch immer ein "besonderer" Ort
Mehr als eine eine Million Menschen wurden hier ermordet. Rund 1,9 Millionen Menschen besuchen heute jedes Jahr die Gedenkstätte. Und natürlich müssen diese Menschen, die heute nach Oświęcim kommen, irgendwann essen, trinken, warten, zur Toilette gehen. Und natürlich machen sie Selfies mit gespitzen Lippen vor der Gaskammer, mit Tüteneis vor dem Lagereingang in Birkenau.
Gerade diese Gleichzeitigkeit interessiert mich. Die entscheidende Frage meines Buches lautet deshalb nicht: Darf man sich in Auschwitz über einen schlechten Smoothie beschweren?Sie lautet vielmehr: Was geschieht mit einem Ort des Grauens, wenn Millionen Menschen ihn besuchen und damit zwangsläufig auch die Mechanismen des modernen Tourismus Einzug halten? Und damit die Selbstreflektion über das Monster Mensch zur Nebensächlichkeit verkommt.
Vielleicht liegt die verstörendste Erkenntnis nicht darin, dass einzelne Besucher pietätlos sind. Vielleicht liegt sie darin, wie schnell selbst das Unvorstellbare in unserer Wahrnehmung zum ganz gewöhnlichen Alltag und damit zur lange vergangenen Geschichte wird. Ähnliches passiert ja vielerorts: Die Lustigkeit auf Mittelaltermärken, wo Folterwerkzeuge gezeigt werden oder Hexenscheiterhaufen als Höhepunkt angezündet werden – ohne an die Schrecken dieser Zeit zu gemahnen. Im Gegenteil, es wird getanzt und das dunkle Mittelalter glorifiziert.
Meine Fotografien sollen deshalb keine weitere klassische Dokumentation des Konzentrations- und Vernichtungslagers werden. Sie zeigen die Reibungsflächen: Gedenken und Konsum. Geschichte und Gegenwart. Massengrab und touristischer Tagesausflug. Alles geht! Alles kein Problem? www.ethikproaustria.at
(Ende)| Aussender: | Ethik pro Austria |
| Ansprechpartner: | Alois Gmeiner |
| Tel.: | +43 699 133 20 234 |
| E-Mail: | office@ethikproaustria.at |
| Website: | www.ethikproaustria.at |





