pte20070317003 in Leben

Zeitungsmarkt - "Qualität setzt sich durch, nicht das Marketing"

Designierte Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid im Interview


Alexandra Föderl-Schmid (Foto: fotodienst.at)
Alexandra Föderl-Schmid (Foto: fotodienst.at)

Wien (pte003/17.03.2007/06:30) Vor wenigen Wochen hat die Tageszeitung "Der Standard" einen Generationswechsel angekündigt. Im Juli 2007 folgt dem derzeitigen Chefredakteur Gerfried Sperl die bisherige Leiterin des Wirtschaftsressorts, Alexandra Föderl-Schmid. Im Exklusiv-Interview mit pressetext erzählt Föderl-Schmid, warum Frauen in Top-Positionen im Medienbereich selten zu finden sind, ob man in Zukunft einen anderen Standard zu lesen bekommt und warum der Start von Fellners Österreich doch auch einen positiven Nebeneffekt haben könnte, sich schlussendlich aber Qualität einer Zeitung und nicht das Marketing durchsetzen wird.

pressetext: Frauen in Top-Positionen - vor allem im Medienbereich - sind selten. Warum?
Föderl-Schmid: Ich glaube, dass Frauen weniger häufig aufzeigen und sich vielleicht zu wenig in den Vordergrund drängen. Daraus ergibt sich eine mangelnde Repräsentanz, aber generell kann, soll und muss man Frauen und Männern das Gleiche zutrauen.

pressetext: Waren Sie über Ihre Beförderung überrascht?
Föderl-Schmid: Ja, war ich schon. Man hat mir auch mehrfach versichert, dass das Geschlecht bei dieser Beförderung keine Entscheidungsgrundlage dargestellt hat.

pressetext: Wird man in Zukunft einen 'anderen' Standard zu lesen bekommen?
Föderl-Schmid: Natürlich ist diese Entscheidung ein Generationswechsel. In inhaltlicher Hinsicht setzen wir weiterhin auf Kontinuität. Wir können wie jede andere Zeitung aber natürlich auch ein Stückchen besser werden. Aber an der grundsätzlichen Ausrichtung wird sich nichts ändern, die stimmt schon.

pressetext: Vor wenigen Monaten ist die Tageszeitung Österreich an den Start gegangen. Inwiefern hat dieser Markteintritt dem Standard zugesetzt?
Föderl-Schmid: Wir haben im Vorfeld Vorkehrung getroffen. So wurde am Abend die personelle Besetzung verstärkt. Zusätzlich hat es natürlich eine positive Motivation gegeben. Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Markteintritt von Österreich dem Standard schaden wird - weder im Leser- noch im Anzeigenbereich. Diese Erwartungen sind auch erfüllt worden.

pressetext: Die ÖAK-Zahlen weisen beim Standard einen Anstieg der Leser aus? Wird durch den Markteintritt von Österreich mehr Zeitung gelesen?
Föderl-Schmid: Ich hoffe, doch was die Zahlen von Österreich betrifft kann ich nur sagen, dass diese nicht sehr belastbar sind. Insofern kann man erst in einigen Monaten mehr dazu sagen. Aber wenn es zumindest diesen Effekt hatte, dass neue, junge Leser gewonnen werden konnten, dann hat dieses Produkt zumindest einen positiven Effekt mit sich gebracht.

pressetext: Gibt es genügend Platz für die derzeit am Markt befindlichen Tageszeitungen in Österreich?
Föderl-Schmid: Im Moment hat es den Anschein, dass es niemanden trifft. Am Anfang wurde erwartet, dass der Kurier unter Österreich leiden wird - auch das ist nicht eingetreten. Der große Verdrängungswettbewerb, der von Fellner vorausgesagt wurde, hat nicht stattgefunden. Man sieht, dass der Inhalt auch stimmen muss und nicht nur das Marketing zählt. Das ist in gewisser Weise auch beruhigend.

pressetext: Web2.0, Second Life - inwiefern stellt das Internet für eine Zeitung eine Herausforderung dar?
Föderl-Schmid: Das Internet ist seit Jahren eine Herausforderung und wir müssen an der Vernetzung arbeiten. Zum Glück haben wir mit derstandard.at eine sehr gute Website, die auch sehr oft genutzt wird. Woran es noch ein bisschen mangelt, ist die Verlinkung zwischen Print und Online.

pressetext: Wie sehr ist das Internet Konkurrenz und wie kann es einer gedruckten Tageszeitung, die im Prinzip immer hinten nach berichten wird, einen Nutzen bringen?
Föderl-Schmid: Das Internet ist auch eine Chance. Die Tageszeitung kann dadurch back to the roots marschieren und sich mehr auf Kernkompetenzen konzentrieren: Das heißt, Kommentar, Analyse, Meinung, wofür der Standard ja sehr stark steht. Auch Reportage und Hintergrund sind im Print sehr stark gefragt.

pressetext: Wie kann die engere Vernetzung zwischen Print- und Online-Bereich einer Zeitung aussehen. Könnte dies eine gemeinsame Redaktion sein, die Print und Online abdeckt?
Föderl-Schmid: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Wir denken derzeit zu sehr an Print oder herkömmliche Wege der Nachrichtenverbreitung. Wenn wir beispielsweise eine Exklusivstory haben, schicken wir diese zuerst an die Nachrichtenagenturen bevor wir sie beispielsweise an die eigene Online-Redaktion weitergeben. Das ist ein Punkt, wo man ohne große personelle Umstellung mit kleinen organisatorischen Maßnahmen viel erreichen kann.

pressetext: In einem Interview mit pressetext bezeichnete Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner seine eigene Zeitung als Qualitätszeitung auf Augenhöhe mit dem Standard und Kurier. Wie sieht Ihre Meinung dazu aus?
Föderl-Schmid: Mir ist schleierhaft, wie er zu dieser Einschätzung kommen kann, aufgrund des Produkts, das er tagtäglich vorlegt.

pressetext: Was zeichnet eine Qualitätszeitung aus und wie erfolgt die Abgrenzung des Standards zu anderen Qualitätszeitungen wie etwa zur Presse?
Föderl-Schmid: Die Abgrenzung zur Presse wird erreicht, in dem wir andere Standpunkte vertreten. Auch denke ich, dass die monothematische Seite eins, wie es bei der Presse der Fall ist, für eine Qualitätszeitung kein gutes Mittel ist. Generell glaube ich, dass man es einer Qualitätszeitung ansieht, ob man den Informationen trauen kann. Das ist der Knackpunkt, denn auch die Recherche und die Einordnung müssen stimmen und zusammenpassen.

pressetext: Was sind diesbezüglich die wichtigsten Aufgaben eines Chefredakteurs?
Föderl-Schmid: Leute zu ermutigen, das Beste zu geben und ihnen umgekehrt bei heiklen Recherchen den Rücken freizuhalten. Eine rege Diskussion in der Redaktion ist da sehr wichtig, doch irgendwann muss der Chefredakteur entscheiden. Doch nur wenn man untereinander diskutiert, entstehen gute Dinge.

pressetext: Publizistik-Absolventen oder Personen aus einem Fachgebiet? Wo liegen die Vorteile dieser beiden Arten von Journalisten?
Föderl-Schmid: Ich finde eine solide Uni-Ausbildung als Grundlage wichtig. Dabei ist es nicht entscheidend, welches Studium abgeschlossen wird. Das System in Deutschland, das man erst ein Volontariat nach dem Studium absolviert, ist auch interessant und sinnvoll. Aber natürlich sollte man auch nicht die andere Seite, also schreiberische Karrieren, unterbinden.

pressetext: Wie hat sich die Verwässerung zwischen objektivem Journalismus und versteckter PR in Zeitungen entwickelt?
Föderl-Schmid: Generell wird die Versuchung - auch im redaktionellen Bereich - natürlich größer, da die Anzahl der PR-Aussendungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Es wird auf allen Ebenen versucht, PR in den Journalismus zu schwindeln. Hier muss man sehr strenge Maßstäbe ziehen und aufpassen, dass man sich als Zeitung nicht verkauft.

pressetext: Wie geht man damit um, wenn einflussreiche Personen von großen Unternehmen die Berichterstattung kritisieren und einen Werbeboykott - Beispiel ÖBB - gegen die Zeitung in Erwägung ziehen?
Föderl-Schmid: Oskar Bronner hat damals mit ÖBB-Chef Huber telefoniert und die Devise ausgegeben, wenn die Recherche durch Fakten gedeckt ist, dass man sich durch Zurufe von Außen nicht beeinflussen lassen wird. Das ist ein sehr aufrechtes Verständnis von Journalismus und nur so kann guter Journalismus auch entstehen.

pressetext: Wie sehr hat sich die Pressefreiheit in den letzten Jahren speziell unter der Schwarz-Blauen Regierung verändert?
Föderl-Schmid: Diese Versuchungen, über die ich vorher gesprochen habe, sind größer geworden. Auch die Inszenierungen von Politik - Beispiel Karl-Heinz Grasser - sind wesentlich häufiger vorgekommen. Das heißt, die Journalisten sind gefordert, hinter die Fassade zu schauen. In Deutschland ist es viel strikter und klarer geregelt, während es in Österreich sehr viele Grauzonen gibt. Die Problematik, kann ich jetzt etwas schreiben oder nicht, in welchem informellen Umfeld ist das Ganze zu verstehen. Diese "Jeder kennt jeden"-Mentalität macht es in Österreich natürlich schwieriger hier klar zu unterscheiden.

pressetext: Fehlt hier eine Instanz? Wäre eine Art Presserat hilfreich?
Föderl-Schmid: Natürlich, ich halte es für fatal und es ist ein Armutszeugnis für Österreich, dass es so etwas in Österreich derzeit nicht gibt. Eine derartige Instanz ist dringend notwendig, damit Konsumenten von Medien eine Anlaufstelle bekommen, an die sie sich wenden können.

pressetext: Vielen Dank für das Interview.

(Pressefotos zu dem Interview finden Sie unter http://www.fotodienst.at/browse.mc?album_id=1027 zum Download)

(Ende)
Aussender: pressetext.austria
Ansprechpartner: Michael Fiala
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