pte20260316007 in Leben

Theologin kritisiert Allmachtdenken der Politik

Knoll: "Antigeschehen" und "Antitranssubstantiation" wieder hoch in Konjunktur


Wien (pte007/16.03.2026/08:13)

"Wenn Gottes Welt doch so groß ist, warum bist Du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen." Mit diesem Zitat des persischen Dichters und Sufi-Mystikers Rumi hat die evangelische Theologin Ines Charlotte Knoll das Allmachtdenken der Politik kritisiert und den Widerstand dagegen als heilige Pflicht beurteilt. Beim Europaforum des Denk.Raum.Fresach im Club Carinthia der BKS Bank Wien sagte die ehemalige Stadtpfarrerin wörtlich, "die wichtigste Waffe" gegen Krieg und Unrecht sei das Gespräch. www.fresach.org

Der Teufel ist in die Menschen gefahren

Unmissverständlich ging die Philosophin mit den gegenwärtigen politischen Verhältnissen und dem Widerstand dazu ins Gericht. Sie geißelte die Verachtung der Reichen und Mächtigen, die Gönnerhaftigkeit, die Gier, den Neid, und das schreiende Unrecht in allen Gestalten und allen Kriegen bis hin zur "vollkommenen Antitranssubstantiation" des Teufels. Der Teufel sei in die Menschen gefahren: "Die Menschen denken heutzutage, dass sie selbst Gott sind", zitierte Knoll den niederländischen Sänger Herman van Veen.

"Der Tod der menschlichen Empathie sei eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in die Barbarei zerfällt", erinnerte Knoll an einen Gedanken der Schriftstellerin Hannah Arendt. Wir sind der Spiegel des Welttheaters, und das Welttheater hält uns den Spiegel vor. Unsere Aufgabe sei es, der "Sünde zu widerstehen und Widerstand zu leben". Sünde sei ein Zustand der Entfremdung von Gott und von uns selbst, so Knoll unter Berufung auf den Schweizer Theologen Karl Barth.

Widerstand ein Missverständnis schlechthin

Widerstand sei ein Missverständnis schlechthin, es gibt so viele Widerstände, wie es Menschen gibt, und es gibt auch soviele Missverständnisse, wie es Menschen gibt. Aber wenn es darum geht, sich über die Verhältnisse Klarheit zu verschaffen, sei an den Abschiedsbrief des von den Nazis hingerichteten Widerständlers Klaus Bonhoeffer an seine Kinder erinnert: "Bleibt nicht im Halbdunkel, sondern ringt nach Klarheit, ohne das Zarte zu verletzen und das Unnahbare zu entweihen." Er sei gestorben für seine Sehnsucht nach Freiheit, ohne Gegengewalt auszuüben.

Was der Widerstand kosten kann, habe ihre Familie am eigenen Leib erlebt, erzählte Knoll. Ihr Vater sei zu DDR-Zeiten von der Medizinuniversität geflogen, weil er den Kommunismus verhöhnt habe. Widerstand sei nicht jedermanns Sache, daher immer individuell zu definieren. Doch man sollte so leben, wie man in einer befreiten Welt leben können soll - gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht. Es bleibt nichts anderes übrig, als diesen Widerspruch bis zum bitteren Ende durchzumachen.

Homo Bellicus Einhalt gebieten

"Wir brauchen den Widerstand, und der Widerstand braucht uns", betonte die Theologin. Widerständiges Denken sei ein Ausdruck von Mündigkeit, waren sich schon die Philosophen der Frankfurter Schule sicher. Auch für die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die heuer ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, war Widerstand eine "hochindividuelle Angelegenheit". Die Wahrheit kommt immer in Person - in vielen Begegnungen. Auch der Widerstand kommt immer in Person.

"Wenn wir also dem "Homo Bellicus (Kriegstreiber) Einhalt gebieten wollen, brauchen wir dazu eine Waffe, über die er nicht verfügt, und deren Wirkkraft er nicht gewachsen ist. Am besten eine, mit der er überhaupt nichts anfangen kann", erklärte Knoll dem staunenden Publikum.

Es gebe so eine Wunderwaffe, sie heißt Kreativität. "Und sie entfalte sich immer dann, wenn wir zweckfrei zu spielen beginnen. Wir können das auch mit Gedanken, Worten und Begriffen machen. Dann nennen wir dieses Spiel Poesie. Jedes Wortspiel ist Poesie. Und um Poesie zu einer kreativen Kraft werden zu lassen reicht es nicht, schöne Worte aneinanderzureihen. Zu einer Waffe wird Poesie erst dann, wenn sie unter die Haut geht und die Menschen tief in ihrem Inneren berührt - sie wieder mit sich selbst und mit ihren ganz unten abgelegten Hoffnungen und Sehnsüchten verbindet."

Dann kann es passieren, dass eine solche Person aufwacht und merkt, dass sie ihr Wesen darauf eingerichtet hat, wie es das Leben gar nicht wollte.

Mystik ist Widerstand

"Wir sind alle Mystiker", erinnerte Knoll abeschließend an die deutsche Theologin Dorothee Sölle: "Mystik ist Widerstand". Wie Widerstand zu leben sei, schrieb Goethe in seinem Aphorismus zum Thema Konversation: "Was ist herrlicher als Gold, fragte der König. Das Licht, antwortete die Schlange. Was ist erquicklicher als Licht, fragte jener. Das Gespräch, sagte diese." Und Knoll zur aktuellen Weltlage: Es wäre doch das Gespräch, das Lösungen bringen kann, und Frieden erhalten - wenn das Gespräch nicht aufgehört hätte, wenn man sich wieder und wieder und wieder an den Tisch gesetzt hätte.

Hintergrund: Das Europaforum in Wien war Teil der Europäischen Toleranzgespräche 2026, die vom 17. bis 24. Mai im Kärntner Bergdorf Fresach stattfinden und dem Thema "Widerstand & Verantwortung" gewidmet sind. Information und Anmeldung unter: www.fresach.org

Fotos zur Veranstaltung stehen unter https://fotodienst.pressetext.com/album/3838 kostenlos als Download zur Verfügung.



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