pte20260119014 in Leben

Halabja: Chemiewaffen hinterlassen Traumata

Fast 79 Prozent der Betroffenen des irakischen Luftangriffs von 1988 leiden bis heute unter PTBS


Gasmaske: Heute leiden viele unter den Folgen der Giftgasattacke (Foto: pixabay.com/cozmicphotos)
Gasmaske: Heute leiden viele unter den Folgen der Giftgasattacke (Foto: pixabay.com/cozmicphotos)

Tübingen (pte014/19.01.2026/10:30)

Bei den Überlebenden des chemischen Angriffes auf Halabja in Kurdistan 1988 gibt es außerordentlich häufig Traumata. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter der Leitung von Ibrahim Mohammed vom Universitätsklinikum Tübingen. Laut Schätzungen sind rund 5.000 Menschen an den von Saddam Hussein eingesetzten chemischen Wirkstoffen, vor allem Senfgas und Nervenkampfstoffen, gestorben. Tausende Betroffene leiden immer noch an den Folgen.

Langfristige Auswirkungen

Mohammed versucht in seiner neuen Studie zu zeigen, was genau mit Menschen auf lange Sicht geschieht, die eine derartige Katastrophe überlebt haben. Dafür hat der Experte eng mit über 500 Betroffenen zusammengearbeitet und eine Vielzahl an Infos zu Erfahrungen, der Gesundheit und dem psychischen Zustand ausgewertet. Somatische Beschwerden wie Angstgefühle, Depressionen und Symptom einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sind ebenfalls beurteilt worden.

Dazu kommen noch verschiedene traumatische Erfahrungen sowie soziale und klinische Faktoren. Die Ergebnisse sind eindeutig: Sogar Jahrzehnte nach dem Angriff mit Giftgas leiden viele Überlebende an PTBS, Depressionen und Angstgefühlen. Fallweise sind auch Schmerzen, Erschöpfung und chronische Erkrankungen stärker ausgeprägt. Mohammed zufolge verschwindet das Trauma im Laufe der Zeit nicht einfach: Es entwickle sich, verbleibe und schreibe sich in den Alltag ein.

Dem Experten zufolge gilt das vor allem für eine Gemeinschaft, bei der der wirtschaftliche Druck und die soziale Belastung weiter bestehen. Zudem neige das Trauma dazu, ganz konkret Gestalt anzunehmen. Körperliche Symptome spiegeln laut Mohammed die emotionale Belastung wider. Das geschehe zum Beispiel in Form von Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Erschöpfung und Magenproblemen. Dabei handele sich um Echos der früheren psychologischen Verletzung.

Kumulativer Stress schadet

Die in "Frontiers in Psychiatry" veröffentlichte Studie betont auch die Bedeutung des kumulativen Stresses. Überlebende mit mehrere traumatische Erfahrungen wie Vertreibung, Verlust von Angehörigen oder Zeugen brutaler Gewalt leiden in einem höheren Ausmaß an Belastungen. Ihre Verletzlichkeit steigert sich noch durch Faktoren wie chronische Krankheiten, ein geringes Einkommen und geringere Schulbildung. Trotzdem lässt sich eine bemerkenswerte Resilienz feststellen, heißt es.

Fast 79 Prozent der Teilnehmer entsprechen den PTBS-Kriterien. 65 Prozent leiden unter klinisch signifikanten Depressionen oder Angstgefühlen. Etwas mehr als die Hälfte leidet unter schweren somatischen Symptomen. Frauen mit geringeren Einkommen und weniger Bildung sind besonders verletzlich. Weniger als 17 Prozent haben Psychopharmaka erhalten. Das stehe für eine große Lücke bei der Gesundheitsversorgung der Überlebenden des Angriffes auf Halabja.

(Ende)
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