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pte20180518001 Kultur/Lifestyle, Politik/Recht

Toleranzgespräche: "Müssen Hasskultur loswerden"

Autorin Nürnberg für bessere "Moderation" von Migrationsprozessen


Fresach (pte001/18.05.2018/06:00) - Die Willkommenskultur während der Flüchtlingswelle 2015 ist in vielen Bereichen rechten und nationalistischen Parolen gewichen. Um dem entgegenzuwirken, forderten Experten aus Politik und Kultur zum Auftakt der Europäischen Toleranzgespräche im Kärntner Bergdorf Fresach http://fresach.org eine neue, "postnationale" und verstärkt "pro-europäische" Denkweise.

Die unvermeidbaren Migrationsprozesse in Europa und weltweit müssten von Politikern und Medien besser "moderiert" werden, um Ängste und Abwehrreaktionen der Gesellschaft abzubauen. Die Wiener Schriftstellerin Dorothea Nürnberg brachte auf den Punkt, wie Europa gelingen kann: "Wir müssen die Hasskultur loswerden. Und wir benötigen Humanität und Respekt."

Die Sicht Europas auf den Islam

"Der Islam gehört seit Jahrhunderten zu Europa, eine Islamisierung gibt es nicht", sagte die Weltreisende Nürnberg. Europa stehe vor der großen Chance, den Islam und seine frühzeitigen wissenschaftlichen Errungenschaften neu zu entdecken. "Durch eine Kultur des Kennenlernens können wir dem Islam dabei helfen, sich zu reformieren", sagte Nürnberg. Die neue "Scharia" der in Europa lebenden Muslime müsse Demokratie heißen. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk verwies allerdings darauf, dass das gegenwärtige Bild des Islam nicht gerade positiv sei. "Muslimisch geprägte Länder trennen nicht zwischen Staat und Religion, in wenigen gibt es demokratisch gewählte Regierungen." Das passe nicht zu den Ansichten des "Menschenrechtskontinents" Europa.

"Es muss erklärt werden, was der europäische Narrativ überhaupt ist", stellte Müller-Funk klar. "Vor 500 Jahren war Europa selbst ein Auswanderungskontinent." Erst später sei ein positives, jedoch national geprägtes Bewusstsein entstanden. "Heute müssen wir Europa als Wertegemeinschaft stark machen, anstatt wieder in nationalen Grenzen zu denken." Zwar seien Grenzen nötig, jedoch sollten die Mechanismen zum Öffnen und Schließen eben dieser überlegt werden.

Obwohl die Bilder in den Medien von Asylsuchenden an innereuropäischen Grenzen präsent sind, trügt der Eindruck steigender Flüchtlingszahlen, erklärte Migrationsforscher Bernhard Perchinig. "Durch die steigende Weltbevölkerung sind die Zahlen unterm Strich zwar gestiegen. Aber wir werden grundsätzlich immer mehr, es handelt es sich nicht um einen exponentiellen Anstieg an Asylsuchenden." Auch hier stünden öffentliche Institutionen in der Pflicht, diesen falschen Eindruck aufzuklären. Der Schweizer Jurist und Menschenrechtsanwalt Christoph Good verwies darauf, dass es mehr Zeit brauche, die rechtlichen Grundlagen für diese Entwickliungen zu schaffen. "Und um Zeit zu überbrücken, brauchen wir Engagement. Das muss wiederum in die Entwicklung eines Systems fließen, das uns dabei hilft, Prozesse zu verstehen", so der Jurist.

Wie Europa gelingen kann

Um ein kollektives Verständnis für und in Europa zu schaffen, sei eine klare Trennung zwischen den Begriffen "Migration" und "Flucht" nötig, ergänzte Perchinig. "Migration und Migranten aus wirtschaftlichen Gründen hat es schon immer gegeben - Europa ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungskontinent." Notwendig sei pro-europäische Politik und Diversitätskompetenz, das Individuum müsse in den Vordergrund gerückt werden. Zudem, fügte Christoph Good an, darf Migration nicht mit Religion gleichgesetzt und muss bestehendes Recht angewendet werden: "Mit der Genfer Flüchtlingskonvention haben wir ein solches Werkzeug, das Verfolgten Ansprüche auf Asyl gewährt."

(Ende)
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