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pte20120621020 Medien/Kommunikation, Politik/Recht

Medien: "Demokratisches Schweigen gegen Terror"

Peter Sloterdijk zur gesellschaftspolitischen Verantwortung der Presse


Sloterdijk: große Verantwortung der Medien (Foto: petersloterdijk.net)
Sloterdijk: große Verantwortung der Medien (Foto: petersloterdijk.net)

Wien (pte020/21.06.2012/12:52) - "Es besteht ein Anfangsverdacht, dass durch die moderne Konstruktion von Wirklichkeit in den Massenmedien der Unterschied zwischen bedeutend und unbedeutend, ernst und unernst, verschwimmt", sagt Peter Sloterdijk von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe http://hfg-karlsruhe.de heute, Donnerstag, im Rahmen der Hauptversammlung des Verbandes Österreichischer Zeitungen http://voez.at in Wien.

In seinem Vortrag mit dem Titel "Krieg und Streit als beste Art der Unterhaltung? Zur demokratie- und gesellschaftspolitischen Verantwortung der Medien" weist der Experte auf die impliziten Gefahren des Systems Massenmedien hin. Für moderne Massenmedien kann es laut dem Experten manchmal sogar besser sein, demokratisch zu schweigen, um sich nicht instrumentalisieren zu lassen.

Mitschuld am Krieg

"Erst mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs sind Massenmedien in ihrer Funktion als Bewirtschafter der kollektiven Aufmerksamkeit aufgetreten. Die Nationalpresse synchronisierte die jeweiligen Populationen, was die jubelnden Mengen nach der Kriegserklärung im August 1914 erklärt", sagt Sloterdijk. Entscheidend beim Übergang zur massenmedialen Kommunikation sei die monothematische Beanspruchung der persönlichen Aufmerksamkeit gewesen, die Versklavung des allgemeinen Bewusstseins durch die Kriegsnachrichten.

"Auf das Bewusstsein der damals Zehn bis 18-Jährigen war das wie ein vier Jahre andauerndes Champions-League-Finale. Die Berichterstattung verkehrte den Ernstfall nationenweit durch eine Ästhetisierung. Die betroffene Generation wollte nach dem Ende des Krieges unbedingt ein Rückspiel, was Hitler in die Hände spielte", so Sloterdijk. Moderne Massenmedien zentrieren das nationale Bewusstsein im Krisenfall laut dem Experten ebenfalls durch monothematische Berichterstattung. Davor und danach kehren die Medien zum natürlichen polythematischen Zustand zurück, der den Konsumenten bei der Zerstreuung hilft.

Zentrale Rolle für Gesellschaft

"Durch Sondersendungen reagieren die Medien heute auf Krisen und synchronisieren so die Nationen", erklärt der Fachmann. Die Rolle der Massenmedien in modernen Gesellschaften wird laut Sloterdijk gemeinhin unterschätzt. "Sie sind die Träger der Nationen und wichtig für die soziale Synthese. Nur durch die Massenmedien können politische Großkörper überhaupt integriert werden, indem die Erfahrung der Gleichzeitigkeit vermittelt wird", erklärt der Wissenschaftler. Durch den Medienkonsum, die "Einberufung zum Erregungsdienst", nehmen die Menschen heute am demokratischen Ritual teil, so Sloterdijk.

"Die Massenmedien testen ihre Erregungsvorschläge durch die Reaktion des Publikums, wenn die Population nicht gerade durch ein evidentes Thema versklavt wird. Medien, die in Krisenzeiten nicht an der verordneten Erregung teilnehmen, gehören nicht richtig dazu", so Sloterdijk. In einer glücklichen Gesellschaft gebe es vielfältige Erregungsvorschläge. "Die Bewirtschaftung der Aufmerksamkeit pendelt zwischen mono- und polythematischer Berichterstattung. Den maximalen Erregungszustand in Form von Krieg wird es in Europa hoffentlich nicht mehr geben", sagt der Experte.

Im Umgang mit Terrorismus zeige sich aber, wie groß die Verantwortung der Medien ist. "Terroristen sind wildgewordene Mediennutzer. Unsere Gesellschaften geben maximale Belohnung für maximale Scheußlichkeit, die Berichterstattung konzentriert sich auf das Schlimmste. Die Medien sind mit ihrer Selbsterschreckungsarbeit die Komplizen der Terroristen. Dieser Kreis kann nur durchbrochen werden, wenn die Medien den Erregungsdienst verweigern. Den Medienmachern ist das nur schwer zu vermitteln", sagt Sloterdijk. Das liegt auch daran, dass die Konsumenten Schreckensnachrichten mögen:

"Friedliche Gesellschaften tendieren zu Bedrohtheits-Narzissmus, sie wollen sich wenigstens einbilden dürfen, dass etwas Schlimmes passiert. Die Menschen in Spanien haben nach den Attentaten von Madrid mit ihren Schweigemärschen eine bewusste Abkopplung von dieser Gräuelberichterstattung praktiziert. In Wien gibt es einen Pakt zwischen Medien und Verkehrsbetrieben, dass über Suizid nicht berichtet wird. Dieses demokratische Schweigen könnte die Basis für ein neues Weißbuch der Kommunikationswissenschaft werden", schließt Sloterdijk.

(Ende)
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