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pte20111123001 Medizin/Wellness, Forschung/Entwicklung

Schwerhörige nehmen Vibrationen intensiver wahr

Neue Untersuchung belegt: Sinnesverlagerung ist keine Kompensation


Ohr: Tastsinn sensibilisiert (Foto: pixelio.de, U. Herbert)
Ohr: Tastsinn sensibilisiert (Foto: pixelio.de, U. Herbert)

Berlin (pte001/23.11.2011/06:00) - Ein internationales Forscherteam hat entdeckt, dass Menschen mit einer Form von erblicher Schwerhörigkeit Vibrationen an ihren Fingern intensiver wahrnehmen als andere Menschen. Das Team um Thomas Jentsch vom Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie http://fmp-berlin.de enthüllt damit Einzelheiten über den bislang wenig untersuchten Tastsinn. Damit wir fühlen können, müssen spezialisierte Zellen in der Haut wie Instrumente in einem Orchester gestimmt werden, stellen die Wissenschaftler fest.

Zentralnervöser Effekt wichtig

Untersucht wurden Menschen, die unter der Schwerhörigkeit vom Typ DFNA2 leiden. Bei diesen Menschen ist die Funktion mancher Haarzellen im Ohr gestört. Diese Mutation, so vermuten die Forscher, könnte sich auch auf den Tastsinn auswirken. "Es ist aber in diesem Fall keine Kompensation", sagt Jentsch gegenüber pressetext. "Es ist kein zentralnervöser Effekt, wo das Gehirn merkt, dass etwas fehlt, was kompensiert werden muss", so Jentsch weiter.

Dass es Parallelen zwischen Hören und Fühlen gibt, ist dennoch offensichtlich. Im menschlichen Ohr schwingen feinste Härchen im Rhythmus der Schallwellen. Die Schwingungen bewirken einen Einstrom positiv geladener Kalium-Ionen in die Haarzellen. Dieser elektrische Strom erzeugt ein Nervensignal, das zum Gehirn weitergeleitet wird. Die Kalium-Ionen fließen durch einen Kanal in der Zellmembran wieder aus den Haarzellen hinaus. Und eben dieser Kaliumkanal, ein Eiweißmolekül namens KCNQ4, ist durch die Mutation bei den Schwerhörigen zerstört.

Schwerhörige sind Super-Fühler

Die Sinneszellen sterben nach und nach durch Überlastung ab. "Wir haben aber herausgefunden, dass KCNQ4 nicht nur im Ohr vorkommt, sondern auch in bestimmten Sinneszellen der Haut", erklärt Jentsch. Das hat die Forscher auf die Idee gebracht, dass die Mutation sich auch auf den Tastsinn auswirken könnte. Die Tastrezeptoren in der Haut, die den KCNQ4 Kaliumkanal besitzen, sterben bei den Schwerhörigen nicht ab. Sie konnten auch sehr langsame Vibrationen empfinden, die ihre gesunden Geschwister noch gar nicht wahrnehmen.

Durch eine Mutation in dem Dämpfer ist das Fein-Tuning des Tastsinns verändert. Der Tastsinn ist ohnehin sehr unterschiedlich ausgeprägt - manche Menschen sind viel berührungsempfindlicher als andere. Die DFNA2-Patienten sind eine Art Super-Fühler in Sachen Vibration, meinen die Forscher. "Die Haut hat mehrere unterschiedliche Typen von Mechanorezeptoren, die auf verschiedene Reizqualitäten ansprechen, insbesondere auch auf verschiedene Frequenzbereiche. Das Zusammenspiel verschiedener Rezeptorklassen ist für den Tastsinn wichtig."

Obwohl die von den Forschern untersuchten Rezeptoren durch den Verlust des Kaliumkanals insgesamt empfindlicher werden, überwiegt möglicherweise der Nachteil der falschen "Stimmung" auf andere Frequenzen. Mit KCNQ4 haben die Wissenschaftler nun zum ersten Mal ein menschliches Gen identifiziert, das die Eigenschaften des Tastsinns verändert.

(Ende)
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