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pte20060720027 Umwelt/Energie, Forschung/Technologie

Umwelt-Chemikalien stören Hormonsystem

EU-geförderte Forschung an Göttinger Universität beendet

Prof. Dr. Wolfgang Wuttke
Prof. Dr. Wolfgang Wuttke

Göttingen (pte027/20.07.2006/13:15) - Schon seit Jahren warnen Wissenschaftler vor den Gefahren hormonell wirksamer Umweltchemikalien. Nun haben die 64 Teams des Forschungsverbunds CREDO (Cluster of Research on Endocrine Disruption in Europe) ihre Ergebnisse vorgelegt. Die Universität Göttingen http://www.med.uni-goettingen.de war damit beschäftigt, den Einfluss von pflanzlichen Östrogenen sowie von Pestiziden, die die Wirkung von Testosteron hemmten, zu untersuchen. Dabei konnten sie zum Teil erhebliche Effekte und Wirkzusammenhänge erkennen.

Der Abschlussbericht des vom Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen koordinierten "EURISKED-Projektes" gibt jetzt klare Hinweise darauf, dass viele der getesteten Substanzen einen starken Einfluss auf Zellen in der Kulturschale sowie auf Hormonsysteme und Organe von Säugetieren haben", subsumiert Wolfgang Wuttke, Direktor der Abteilung Klinische und Experimentelle Endokrinologie am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen und Projektkoordinator, die Ergebnisse im pressetext-Interview. Die Substanzen werden als Weichmacher in Nahrungsmittel-Verpackungen verwendet, kommen als UV-Filter in Sonnencremes vor oder als Konservierungsstoffe in Hautcremes. Andere Chemikalien werden in großen Mengen als Insekten- und Unkrautvernichter in der Landwirtschaft eingesetzt

Neu ist der wissenschaftliche Nachweis, dass viele dieser "Endokrinen Disruptoren" auch außerhalb der Reproduktionsorgane, wie den Hoden und Eierstöcken, wirken. Als Zielorgane konnten die Forscher das Gehirn, die Hypophyse (Hirnanhangdrüse), die Leber, den Knochen, Fettgewebe und die Schilddrüse identifizieren. "Wir haben auch pflanzliche Östrogene, so genannte Phytoöstrogene, untersucht", so Wuttke. "Diese Stoffe, die als Nahrungsergänzungsmittel im Handel sind, sollen das Knochenwachstum fördern oder die Effekte der Menopause mildern. Neben den erwünschten Effekten auf die Knochen stimulierten alle untersuchten Phytoöstrogene im Tierversuch das Brustwachstum und die Bildung von Progesteron-Rezeptoren." In höheren Dosierungen förderten die Pflanzenextrakte die Bildung von Milchdrüsengängen und die Milchproduktion. "Sollten sich diese Effekte beim Menschen bestätigen, könnte das Gebärmutter und Brustdrüsen ungewollt beeinflussen", so Wuttke. "In der Schilddrüse hemmten die Phytoöstrogene, ebenso wie Lichtschutzmittel aus Sonnencremes, entweder die Thyroidperoxidase oder den Jod Symporter in der Schilddrüse." Das könnte beim Menschen zu einer Schilddrüsen-Funktionsstörung führen mit Auswirkungen auf den Wärmehaushalt und die Knochenfunktionen.

"Nur wenn die Substanzen direkt in den Körperkreislauf eingebracht wurden, wirkten einige der getesteten chemischen UV-Filter aus Sonnencremes wie weibliche Geschlechtshormone", führt Wuttke aus. Eine Aufnahme über die Haut des Menschen konnte jedoch nicht bestätigt werden. "Blutproben konnten keine der zwei Substanzen im Körper nachweisen. Untersuchungen im Tiermodell bestätigten, dass die beiden Substanzen schnell abgebaut werden, so dass nur die Abbauprodukte im Blut nachweisbar sind", erklärte der Forscher. Es sei bisher unbekannt gewesen, ob diese Substanzen über die Haut penetrieren. Alarmierend sei allerdings gewesen, dass in Schweizer Badeseen hohe Konzentrationen der chemischen UV-Absorber gefunden wurden. "Dadurch könnten die Substanzen auch in die Nahrungskette gelangen."

Als problematisch bezeichnete der Forscher allerdings die zwei untersuchten Pestizide, Linoron und Procymidon, die die Wirkung von Testosteron hemmen. "Diese Pestizide werden tonnenweise auf den Feldern ausgebracht und haben eine lange Verweildauer in den Böden", so der Forscher. In Mäusen verstärkten die Pestizide das Wachstum der Vorsteherdrüse (Prostata) und der Samenblasendrüsen, die die Samenflüssigkeit bilden. "Diese anti-androgene Wirkung könnte bei pubertierenden Jungen unerwünschte Auswirkungen auf die Entwicklung der Prostata oder der Samenblasendrüsen haben. Zudem könnten die Pestizide das Knochenwachstum beeinträchtigen", so Wuttke.

(Ende)
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