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pte20091204013 Bildung/Karriere, Kultur/Lifestyle
Bildung vernachlässigt Realität der Migration
Schulexperte: "Wissen über Minarette vorrangiger als bloße Diskussion"
Baden/Wien (pte013/04.12.2009/12:15) - Die Schule hat es bisher verabsäumt, ausreichend Antwort auf die neu entstandene multikulturelle Gesellschaft zu geben. Das kam vergangenen Mittwoch auf einem Lehrersymposium an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich http://www.ph-noe.ac.at zum Ausdruck, das sich dem Thema "Heimat" gewidmet hat. Ein stärkeres Augenmerk auf die Vermittlung interkultureller Kompetenz in der Lehrerbildung soll dazu führen, dass die Schule einen besseren Beitrag zur Integration liefert. Diesen Beitrag könne die Schule vor allem durch Weitergabe von Wissen erbringen, betont Tagungsorganisator Erwin Rauscher gegenüber pressetext. Dieses verhelfe zur eigenen Erkenntnis und befreie von der Indoktrination durch Vorurteile. "Es ist sekundäre Aufgabe der Schule, über Minarettverbote bloß zu diskutieren, aber ihre primäre, Geist und Geschichte von Minaretten diskursiv zu vermitteln", so der Rektor der Pädagogischen Hochschule. Speziell die politische Bildung dürfe sich nicht darauf beschränken, Reuegefühle zu zementieren. "Gedenkstätten brauchen Denkstätten mit Formen dialogischer Bildung wie Schule, Verein, Peergroup oder Theater, und Schuldbewältigung erfordert Mitverantwortlichkeit." Deutsch und Toleranz verhindern Gefahren der Heimatlosigkeit "Rund 87 Prozent der Zuwanderer fühlen sich heimisch", berichtet der Wiener Migrationsforscher Heinz Fassmann im pressetext-Interview. "Die meisten sind auch emotional in Österreich angekommen, nur wenige fühlen sich nicht zu Hause. Zu letzteren gehören vor allem erst kürzlich angekommene Migranten - was zeigt, dass das Heimischwerden ein längerer Prozess ist, weiters auch Migranten mit geringerer Bildung und sozioökonomisch schlechter Gestellte." Diese Randgruppen würden eher dazu neigen, Ersatzheimaten zu suchen, worunter Fassmann etwa den religiösen Fundamentalismus zählt. "Es sind oft sozial schwache Angehörige der zweiten oder dritten Generation, die sich einer politischen Religion zuwenden." Reagiert habe die Gesellschaft auf diesen Trend viel zu spät, kritisiert Fassmann. "Die Integration als politisches Thema ist noch keine zehn Jahre alt." Mittlerweile habe man jedoch Elemente erkannt, die für funktionierendes Zusammenleben notwendig seien. Entgegen früheren Annahmen sehe man heute die gemeinsame Verkehrssprache Deutsch als unerlässlich. "Weiters braucht das Miteinander auch Respekt, Toleranz und eine gewisse Flexibilität gegenüber anderen Lebensbildern. Nicht jeder kann sich sofort wie ein Österreicher verhalten, auch wenn das viele fordern", so der Wiener Migrationsforscher. Mehr Migranten als Lehrende sinnvoll Die Vermittlung dieser integrationsfördernden Haltungen sieht Fassmann als wichtige Aufgabe der Schule. "Allerdings wird interkulturelle Kompetenz in der Lehrerbildung noch immer sehr nachrangig behandelt, die diesen Teil der sozialen Realität weitgehend übersieht." Rauscher stimmt dieser Ansicht zu. "Entsprechende Lehrveranstaltungen haben keinen großen Zulauf, da sie keine unmittelbare Nutzbarkeit im Unterricht zu vermitteln scheinen." Ausständig sei die Verankerung interkultureller Kompetenz für alle Lehrerstudenten, etwa im Rahmen eines künftigen pädagogischen Basisstudiums. Ein neuer Ansatz, um einige Mängel wettzumachen, ist der Einsatz interkultureller Mitarbeiter. "Erste Lehrgänge in Niederösterreich trainieren Personen ohne Deutsch als Muttersprache für die Arbeit als Interkulturelle Mitarbeiter (IKM) an Volksschulen. Diese Entwicklung ist langsam, auch etwa bei Fernsehsprechern und Politikern. Die Unterrepräsentanz von Migranten auch in anderen Berufen zeigt, dass wir weiter tun als wären wir kein Einwanderungsland", so der Hochschulrektor. Ein gestern, Donnerstag, präsentierter Österreich-Bericht der OECD belegt, dass der Anteil der Lehramtsstudenten ohne Deutsch als Muttersprache unter drei Prozent liegt. Als wünschenswert bezeichnet die OECD auch mehr Direktoren mit Migrationshintergrund. (Ende)
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