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pte20030906003 Kultur/Lifestyle, Politik/Recht
Buch: Anthropologie der Gerechtigkeit
Ethnologe editiert dreibändiges Werk über Gesellschaftsstrukturen

Wien (pte003/06.09.2003/09:15) - Der Wiener Ethnologe Werner Zips hat beim Facultas Verlag http://www.facultas.at ein dreibändiges Kompendium zum Thema "Anthropologie der Gerechtigkeit" editiert. Der Wissenschaftler beschäftigt sich darin mit dem Thema Recht sowie mit der Frage nach einer gültigen Theorie einer "postkolonialen Rechtssprechung" und traditionellem Recht.

Ein Teil des Werkes trägt den Titel "Die Macht ist wie ein Ei". "Hält man ein Ei zu fest in der Hand, zerdrückt man es, hält man es zu wenig fest, fällt es zu Boden und es zerbricht. Ein altes Sprichwort aus Ghana sagt, dass es sich mit der Macht ähnlich verhält", so Zips. Der Forscher schlägt den Bogen von den Einwohnern Ghanas zu den Sklaven, die auf die Karibikinsel Jamaika verschlagen wurden. "Die verschleppten Afrikaner in Jamaika wissen um die Bedeutung dieses Sprichwortes", so der Wissenschaftler. In Jamaika haben sie ihre eigene Form diskursiver Rechtssprechung beibehalten können. Damit sind sie allerdings in Konflikt mit dem postkolonialen Recht geraten. Das Buch widmet sich im ersten Teil genau jener Problematik, die als Ausformung des kolonialistischen Erbes der Karibikinsel bezeichnet werden kann: Übernommene europäische Verfassungsstrukturen, politische Institutionen und Rechtssysteme sollen mit den parallel gelebten Traditionen versöhnt werden. "Der entstandene Rechtspluralismus stellt sich daher in vielen postkolonialen Staaten als aufgeladene Arena der politischen Auseinandersetzung um das richtige Weltbild dar", so Zips. Hinzu kommen häufig noch äußere Bedrohungen wie etwa willkürlich gezogene Landesgrenzen. Mit großem Fachwissen und zahlreichen Querverweisen geht der Autor der Frage nach, wie sich auf den Grundfesten postkolonialer Gesellschaften etwas Neues formen lässt, das dem heterogenen Selbstverständnis einer staatlichen Gemeinschaft genügen kann. Hinzu komme aber noch die Tatsache, dass die Mehrheit dieser Bevölkerung jahrhundertelang mithilfe genau dieser politischen und rechtlichen Gebilde um ihre Selbstbestimmung, Mitsprache und Eigenverantwortung gebracht wurde.

"Ein solcher Antagonismus ist besonders auf der Insel Jamaika vorhanden", führt der Experte aus. Eine Gruppe von Arbeitern hat sich der Herrschaft der Plantagenbesitzer und Kolonialherren widersetzt. Sie sind von den Plantagen geflüchtet und haben sich zu neuen Gemeinschaften zusammengeschlossen, die sich Maroons nannten. "Die Vergesellschaftung beruhte auf den afrikanischen Vorstellungen sozialer Integration, politischer Autorität und rechtlicher Kontrolle", erklärt Zips, der es als wichtigste Aufgabe in seiner Trilogie sah, die zum Teil verzerrten Darstellungen dieser Gesellschaft zu dekonstruieren. Andererseits sei es von Wichtigkeit das Rechtsprinzip, das heute immer noch auf der britischen Rechtsprechung basiere, in Einklang mit dem Maroon-Recht zu bringen. "Von der politischen Anthropologie und Rechtsanthropologie, die sich mit der pluralistischen Integration postkolonialer Gesellschaften beschäftigen, kann man erwarten, dass sie zu offenen Fragen und Reformforderungen unterschiedlicher Aktoren Stellung beziehen. Dazu bedarf es aber einer Theorie, die es ermöglicht, den von allen Seiten erhoben Anspruch auf Besitz der absoluten Wahrheit nach den Grundsätzen einer höheren Gerechtigkeit ebenso neutral wie kritisch zu begegnen", führt Zips aus. Ein Grundsatz "gleiches Recht für alle" träume aber weniger von einem natur- oder gottgewollten symmetrischen Verteilungsgerechtigkeit, sondern ziele vielmehr darauf ab, die demokratischen Prinzipien der Selbstbestimmung einer Gemeinschaft durch Prozesse vernünftiger Einigung ernst zu nehmen und als Maßstab der Kritik an bestehenden Demokratiedefiziten zu gewinnen.

(Ende)

Aussender: pressetext.austria
Ansprechpartner: Wolfgang Weitlaner
Tel.: +43-1-81140-307
E-Mail:
pressetext.austria
   
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